Im Interview:
Cheyenne Chef
Jörn Kluge

Das Unternehmen MT.Derm ist der weltweite Marktführer für Tattoo- und Permanent-Makeup-Maschinen und hat mit ihrer Marke „Cheyenne“ das Tätowieren ein Stück weit revolutioniert. Vor allem mit der vor wenigen Jahren präsentierten Maschine „Cheyenne Hawk Pen“ konnte MT.Derm viele Tattoo Artists weltweit davon überzeugen, von traditionellen Spulenmaschinen umzusteigen. Wir wollten herausfinden, wer für diesen Erfolg verantwortlich ist und haben uns mit dem Geschäftsführer Jörn Kluge unterhalten.

Einblick in die Cheyenne Produktion
Einblick in die Cheyenne Produktion, Foto: MT.Derm GmbH

Hallo Herr Kluge, vielen Dank, dass sie sich die Zeit für uns genommen haben. Wie begann ihr Weg mit MT.Derm?

Kluge: Im Dezember 1998 kaufte ich mit einem Existenzgründerdarlehen und einer Bürgschaft meiner Eltern einen Teil eines Unternehmens. Das war neben dem Sprung ins kalte Wasser auch eine Herausforderung für mich, die ich gerne angenommen habe. Und ich bin heute dankbar dafür, dass ich diesen Schritt gewagt habe und in einem tollen Unternehmen in einem interessanten Markt arbeiten darf.

Wie hat sich Ihr Unternehmen über die Jahre entwickelt?

Kluge: Wir haben mit unseren Produkten die Bedürfnisse der Künstler getroffen und sind daher sehr stark gewachsen. Gleichzeitig hat sich die Tattooszene extrem positiv entwickelt. Das hat unser Wachstum beflügelt.

Entwicklungs- sowie Produktionsstandort Ihres Unternehmens ist Deutschland, obwohl viele andere Unternehmen die Fertigung ins preiswertere Ausland verlegen. Welche Vorteile bringt diese Entscheidung mit sich?

Kluge: Ich habe mich bewusst für den Standort Deutschland entschieden, auch wenn hier die Regularien strenger sind und somit der Prozess bis zur Produktreife länger dauert. Der Standort Deutschland steht weltweit für Innovation, Qualität und Produktsicherheit. Auf diesen Säulen fußt unser Erfolg. Wir fertigen aber nicht nur in Deutschland, wir haben auch eine extrem hohe Fertigungstiefe, d.h. wir kaufen nur in sehr geringem Umfang Teile dazu. Bei MT.Derm ist tatsächlich alles „Manufactured in Berlin“.

Auch sind wir der einzige Hersteller weltweit, der Power Supplies, Maschinen und Nadeln selber herstellt und nicht dazu kauft. Unsere Produkte sind daher optimal aufeinander abgestimmt. Es ist uns wichtig unseren Kunden das beste auf ihre Arbeit abgestimmte Produkt zur Verfügung zu stellen.


Jedes neue Produkt, das Cheyenne herausbringt, wird von und an mir getestet.

– Jörn Kluge

Wann haben Sie den internationalen Tattoomarkt für Ihr Unternehmen entdeckt und welche Chancen sahen beziehungsweise sehen Sie in ihm?

Kluge: Ursprünglich aus der Medizintechnik kommend, haben wir 2006 als branchenfremd den Schritt in die Tattooszene gewagt. Das beinhaltete Risiken und aber auch Chancen. Und die Szene und Cheyenne haben die Chancen genutzt und sind inzwischen zusammengewachsen. Wir arbeiten mit vielen tollen Künstlern und Suppliern zusammen, die uns unterstützen und wir haben die Möglichkeit der Szene mit unserem anderen Blick immer wieder Innovation und Qualität auf höchstem Niveau zu bieten.

Cheyenne hat sich auf Rotarymaschinen spezialisiert. Was sind Ihrer Meinung nach die größten Vorteile gegenüber herkömmlichen Spulenmaschinen?

Kluge: Als wir 2006 im Tattoobereich starteten, wurde der Markt noch von Spulenmaschinen dominiert und viele Künstler sind immer noch Fan dieser Tättoowiertechnik. Der größte Unterschied zwischen den beiden Systemen ist die Zeitersparnis. Bei einer Rotarymaschinen kann man unser patentiertes Modulsystem nutzen und muss nicht mehr Nadeln löten. Auch lassen sich die Module schnell austauschen. Weitere Vorteile sind das geringe Gewicht und die Vibrationsarmut. Damit ermüdet der Arm nicht so schnell und man kann länger arbeiten.

Fertigung bei Cheyenne
Fertigung bei Cheyenne, Foto: MT.Derm GmbH

Wie lange hat die Entwicklung des 2016 eingeführten „Cheyenne Hawk Pen“ gedauert?

Kluge: Etwa zwei bis drei Jahre.

Was hebt sie von anderen Maschinen ab, die eine ähnliche Technik nutzen?

Kluge: Wie schon erwähnt, sind wir der einzige Hersteller weltweit, der Power Supplies, Maschinen und Module herstellt. Unsere Produkte sind also optimal aufeinander abgestimmt und bieten dem Künstler somit höchste Präzision und Qualität. Außerdem haben wir aus der Medizintechnik kommend hohe Regularien, die Sicherheit und Hygiene auf ein ganz anderes Niveau heben. Natürlich dauert dadurch die Produkteinführung länger als bei anderen Herstellern.

Zurück zu Ihnen: Sie kommen viel in der Welt rum. Wie beurteilen Sie die deutsche Tattooszene im weltweiten Vergleich und wie hat sie sich seit Bestehen Ihres Unternehmens verändert?

Kluge: Ich glaube, die Tattooszene ist weltweit – von ein paar traditionellen Ländern abgesehen – sehr homogen. Tätowierer und Kunst sind international. Da gibt es keine Grenzen. Der Wandel der weltweiten Kunstszene war enorm. In den letzten 20 Jahren hat sich die Szene viel weiter entwickelt als in den 100 Jahren zuvor. Immer neue Kunststile werden integriert und ein Ende ist nicht abzusehen. Die Entwicklung ist vergleichbar mit der Malerei. Diese Kunst hat mit Höhlenmalerei angefangen und sich dann über realistische Malerei hin zu moderner abstrakter Kunst entwickelt.

Sie interessieren sich also auch für bildende Kunst?

Kluge: Ich bezeichne mich nicht als Kunstkenner. Gehe jedoch gerne in Ausstellungen insbesondere von moderner Kunst. Berlin ist dafür einfach eine perfekte Location.

Sind denn Tattoos für Sie ebenfalls Kunst?

Kluge: Absolut, ich bin immer wieder überrascht, welche Möglichkeiten die Tattookunst bietet. Inzwischen gibt es so viele verschiedene Stile, die alle ihren eigenen Charme haben und bewundernswert sind. Die Realisten beispielsweise lassen ja Tattoos wie ein Foto aussehen. Auch viele Stile, wie Trash Polka, Lettering, Horror und andere sind in der Szene erfunden worden. Gerade daran kann man erkennen – ja, Tattoo ist Kunst.

Warum, glauben Sie, werden professionelle Tätowierer in Deutschland nur schleppend als Künstler angesehen?

Kluge: Ich glaube, dass diese Bewertung nicht richtig ist. Es gibt aus meiner Sicht da zwei Betrachtungsweisen, die öffentliche und die staatliche. In der Öffentlichkeit werden Tätowierer schon lange als Künstler angesehen, akzeptiert und vor allem respektiert. Inzwischen hat jeder dritte ein oder mehr Tattoos, das kann man ja nun wirklich nicht mehr als Nische bezeichnen. Die staatlichen Eingliederungen hinken da aus meiner Sicht hinterher. Gehört tätowieren nun zum Handwerk oder ist es Kunst. Diese Frage ist seit Jahren ungeklärt, steht aber für unsere staatlichen Einrichtungen auch nicht im Fokus und ist wohl daher noch offen.



Jörn Kluge, Foto: MT.Derm GmbH
Jörn Kluge, Foto: MT.Derm GmbH

Sind Sie eigentlich selbst tätowiert? Falls nicht: Warum nicht?

Kluge: Die Frage bekomme ich ziemlich oft. Für Basis-Produkttests steht mein Bein als Testobjekt zur Verfügung. Ich bin quasi der erste Qualitätstester, das heißt konkret: Jedes neue Produkt, das Cheyenne herausbringt, wird von und an mir getestet.

Sehr sympathisch – und wahrscheinlich ein interessantes Gesamtbild, das wir mal der Fantasie unserer Leser überlassen. Anderes Thema: Wie beurteilen Sie die noch immer bestehenden Vorurteile gegenüber tätowierten Menschen und glauben Sie, dass sich daran bald etwas ändern wird?

Kluge: Ich glaube, dass diese Vorurteile in der letzten Zeit stark abgenommen haben und weiter abnehmen werden. Einstellungen von veränderungsresistenten Menschen ändern sich aber leider nur langsam. Bis diese Vorurteile also bei allen und vollständig verschwunden sind kann noch etwas dauern.

Dürfen eigentlich Ihre Mitarbeiter tätowiert sein? Auch im Gesicht?

Kluge: Sehr viele unserer Mitarbeiter sind stark tätowiert. Auch sind Gesichtstätowierungen für uns natürlich ok. Wir wollen bei unseren Mitarbeitern so bunt sein, wie die Tattooszene es auch ist.

Gestatten Sie uns zum Schluss einen Blick nach vorn: Können Sie schon verraten, ob es in naher Zukunft eine Neuentwicklung von Cheyenne geben wird?

Kluge: Durch die Innovation des HawkPen und der Cheyenne Modultechnik sind wir mit einem Erfolg in den Markt eingeschlagen, den wir nicht vermutet hätten. Dadurch sind wir in eine Wachstumsspirale gekommen, die schwer zu bewältigen war. Wir wollten einfach die Nachfrage und Bedürfnisse des Marktes befriedigen. Was daraus resultierte, weiß der Markt, daher haben wir uns in den letzten Jahren eher darauf konzentriert, Qualität und Verfügbarkeit auf das vom Markt erwartete Niveau zu heben. Daher war es in den letzten vier Jahren eher ruhig um neue Produkte. Im August 2018 kommen wir aber mit einem großen Knall zurück und präsentieren unsere neue Maschine SOLNova auf unserer Hausmesse der Berlin Convention. Auf das was danach kommt, dürfen alle gespannt sein, da gibt es so einiges, was wir in den letzten Jahren entwickelt haben. Mehr wird erstmal aber nicht verraten. Dazu können Interessenten aber gerne unseren Social Media Kanälen folgen. Da wird immer mal wieder etwas verraten.

Wir sind gespannt. Vielen Dank!

Kluge: Ich danke auch.


Links:
cheyennetattoo.com
hawkpen.com
facebook.com/cheyennetattooequipment
instagram.com/cheyenne_tattooequipment