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Tätowierungen sind für viele Menschen mehr als reine Körperverzierung. Für einige stehen Tattoos für Selbstbestimmung oder erinnern an etwas Besonderes. Für andere hingegen sind sie eher ein ästhetisches Statement. Doch was können Tattoos wirklich über die Persönlichkeit verraten?
In der Popkultur hält sich das Bild vom tätowierten Menschen als mutig, kreativ oder unangepasst. Gleichzeitig zeigen psychologische Studien, dass Tätowierte ebenso mit negativen Stereotypen konfrontiert sind. Manche halten sie für impulsiv, risikofreudig oder weniger vertrauenswürdig.

Zwischen popkultureller Romantisierung und gesellschaftlichen Vorurteilen schwankt die Wahrnehmung somit stark. Genau hier setzt aktuelle Forschung an: Eine Studie versucht zu klären, ob dieser generelle Eindruck von Tätowierten tatsächlich mit deren Persönlichkeitseigenschaften zusammenhängen kann oder ob es nur kulturelle Projektionen sind.
Eine aktuelle Studie von Forschenden der Michigan State University fand mögliche Zusammenhänge zwischen bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und dem Tätowiertsein. Menschen mit Tattoos zeigten im Durchschnitt eine etwas höhere Offenheit für neue Erfahrungen sowie eine ausgeprägtere Risikobereitschaft.
Doch die Autor*innen betonen selbst: Das sind statistische Korrelationen und keine bewiesenen Zusammenhänge. Tattoos können etwas über Menschen erzählen, aber sie zeigen nicht, wer sie sind und sind auch kein klares Indiz für bestimmte Eigenschaften.

Während psychologische Studien vor allem statistische Muster suchen und Zahlen sprechen lassen, zeigen qualitative Arbeiten, wie tief Tätowierungen mit persönlicher Identität verknüpft sein können. Als Teil einer Masterarbeit wurden 2018 einige Interviews mit trans Männern geführt, um zu verstehen, welche Bedeutung Tattoos für deren Körperbild und Selbstwahrnehmung haben. Viele beschrieben Tattoos als Möglichkeit, den eigenen Körper anzunehmen und etwas sichtbar zu machen, was zuvor unsichtbar war.
In diesen Erzählungen werden Tattoos zu etwas, das weit über reine Ästhetik hinausgeht. Sie sind ein Werkzeug, um die eigene Geschichte zu erzählen, Kontrolle über den Körper zu gewinnen oder bestimmte prägende Momente festzuhalten. In der Arbeit wird geschlussfolgert, dass Tattoos Identität nicht einfach widerspiegeln, sondern aktiv an ihrer Gestaltung beteiligt sein können.
Nicht nur, wie wir uns mit Tattoos sehen, ist entscheidend, sondern auch, wie andere uns wahrnehmen. Eine große US-Studie aus 2023 mit mehr als 3.000 Teilnehmenden zeigte, dass Tätowierte von anderen häufiger als weniger professionell oder weniger intelligent eingeschätzt werden. Gleichzeitig empfanden die Tätowierten selbst diese Zuschreibungen selten als berechtigt.
Etwa ein Drittel der Befragten hatte mindestens ein Tattoo und fast jede fünfte tätowierte Person berichtete, eines ihrer Motive zu bereuen. Dabei spielten Faktoren wie Alter, Platzierung oder Bedeutung eine Rolle. Das Bereuen von Tätowierungen wird auch häufig medial thematisiert, beispielsweise in Berichten über „Jugendsünden“ oder Tattoos mit Schreibfehler. Auch dieser mediale Fokus auf Fehltritte trägt womöglich dazu bei, dass tätowierte Menschen oftmals als weniger rational eingeschätzt werden.
Während viele davon ausgehen, dass Tattoos ein großes Hindernis bei der Jobsuche sein könnten, zeigen neuere Studien, dass Tätowierungen hierbei generell keinen Nachteil mehr darstellen. Dies ist jedoch sicherlich noch von vielen Faktoren abhängig, wie z.B. dem Arbeitsfeld, dem Wohnort oder dem Alter der Vorgesetzten.

Tätowierungen entstehen selten zufällig. Sie können einen Wendepunkt im Leben markieren, als Erinnerung herhalten oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ausdrücken. Und selbst wenn ein Tattoo keine Bedeutung hat, gehören für viele die Recherche und das Überdenken im Vorfeld zum Tattoo-Prozess dazu. Welches Tattoo-Studio ist gut? Welchen Stil soll mein Motiv haben? Wie wird es wohl in zehn Jahren aussehen? Diese Fragen und einige weitere werden von vielen bedacht, bevor sie überhaupt einen Tattoo-Termin vereinbaren.
Dass Tätowierte im Schnitt offener oder risikofreudiger sind, passt nicht unbedingt zu diesem Bild. Dennoch geht man mit dem Tätowieren ein bewusstes, aber auch unbewusstes Risiko ein, wenn man dieser gezielten Körperverletzung zusagt. Zudem sind auch spontane Tätowierungen weiterhin beliebt – z.B. als Walk-in im Tattoo-Studio oder auch mal am Stand auf einem Kreativ-Flohmarkt.
Doch Persönlichkeit ist vielschichtig und die Entscheidung für eine Tätowierung hängt auch von kulturellen, sozialen oder ästhetischen Faktoren ab. Psycholog*innen sehen Tattoos daher eher als Ausdrucksform denn als Spiegel der Psyche. Menschen wählen oft Motive, die zu ihrem Selbstbild passen. Nicht, weil sie ihre Persönlichkeit verändern wollen, sondern weil sie sie sichtbar machen.

Die wissenschaftliche Literatur zum Thema bleibt also uneinheitlich. Während manche Studien statistische Zusammenhänge finden, beleuchten andere die emotionalen, sozialen und kulturellen Bedeutungen von Tattoos. Die meisten Untersuchungen stammen aus westlich-europäischen oder US-amerikanischen Kontexten, mit sehr spezifischen Vorstellungen von Körper, Identität und Rebellion.
Künftige Forschung könnte beleuchten, welche Rolle Tattoos in anderen kulturellen oder religiösen Kontexten spielen. Außerdem wäre es spannend, ob sich das Selbstbild oder das generelle Lebensgefühl langfristig verändert. Auch die weitere Entwicklung der Gesellschaft hinsichtlich der Vorurteile gegenüber Tätowierten ist natürlich spannend zu beobachten.

Tätowierungen sind eindeutig kein psychologischer Steckbrief. Sie können Facetten der Persönlichkeit und persönlichen Interessen widerspiegeln, aber sie sind auch Kunst, Erinnerung oder Haltung. Wer sie trägt, zeigt vielleicht etwas über sich, doch nie alles.
Für Forschung und Szene gilt gleichermaßen: Entscheidend ist Offenheit. Denn Tattoos sagen weniger darüber, wer wir sind, als darüber, wie wir uns zeigen möchten.