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Tätowierungen können Ausdruck von Ideen, Konzepten und künstlerischer Reflexion sein. Damit finden sie auch in der Konzeptkunst Anwendung. Die Haut wird dabei zum Medium. Sowohl der Tätowierungsprozess als auch die fertige Tätowierung können als performative und konzeptuelle Kunstwerke verstanden werden.
An einigen der vorgestellten Aktionen war ich selbst beteiligt. Später habe ich sie im Rahmen meiner Forschungsarbeit zur deutschen Tätowiergeschichte dokumentiert.
Als Tätowieren in New York City noch verboten war, setzte sich der US-amerikanische Tätowierer, Künstler und Fachbuchautor Spider Webb für die Anerkennung von Tätowierungen als freie und geschützte Kunstform ein. Sein bürgerlicher Name war Joseph Patrick O’Sullivan (1944–2022). Das Verbot galt von 1961 bis 1997.
1976 tätowierte Webb vor dem Museum of Modern Art. Die illegale Performance führte zur geplanten Verhaftung. 1981 folgte eine weitere Aktion auf den Stufen des Metropolitan Museum of Art. Dort tätowierte Webb die Performance-Künstlerin Annie Sprinkle live.

Seinen künstlerischen Protest setzte Webb auch mit dem Projekt „X-1000“ aus dem Jahr 1977 fort. Dabei wurde ein X auf 1.000 Menschen tätowiert. Einer einzigen Person wurden dagegen 1.000 X tätowiert.
Die Nutzung weltbekannter Museen als Bühne für den Protest sorgte für die gewünschte Aufmerksamkeit. So gelten diese Aktionen als erster Schritt zur Legalisierung der Tattoo-Szene in New York.
Auch in Europa wurde die Tätowierung in den 1970er-Jahren zum Bestandteil künstlerischer Performances. Am 2. Juli 1970 fand in Frankfurt am Main die „Body Sign Action“ der österreichischen Medien- und Performancekünstlerin VALIE EXPORT statt. Sie ließ sich ein Strumpfband in Schwarz und Rot auf den Oberschenkel tätowieren. Ausgeführt wurde die Tätowierung von Horst Streckenbach in einem Studio in der Brückenstraße.
Bei der Ortsangabe im hier zitierten Konzeptblatt hat sich VALIE EXPORT allerdings geirrt: Das Tattoo-Studio von Streckenbach, in dem die Aktion stattfand, lag nicht an der Brückenstraße, sondern an der Kurt-Schumacher-Straße in Frankfurt am Main, unmittelbar an der Alten Brücke. Wahrscheinlich ist die Verwechslung durch die Nähe zur Alten Brücke entstanden, denn die gleichnamige Brückenstraße liegt auf der gegenüberliegenden Mainseite in Sachsenhausen.
Der Fotograf Gunter Rambow dokumentierte die Aktion. Seine Aufnahmen zeigen sowohl den Tätowierungsprozess als auch das fertige Motiv.


Eine der Fotografien zeigt VALIE EXPORT in einer ungewöhnlichen Pose: Sie kniet mit zurückgelegtem Kopf und hebt ihr Kleid am linken Bein an. Was zunächst wie ein Strumpfbandhalter aussieht, ist tatsächlich die Tätowierung. Die Künstlerin versteht das Strumpfband als Symbol einer vergangenen weiblichen Erotik, die von Männern für Frauen geschaffen wurde. Die sinnliche Darstellung ist zugleich eine Kritik am System.

Um die künstlerische Einordnung der „Body Sign Action“ zu verstehen, lohnt sich auch ein Blick auf VALIE EXPORTs Umfeld. Sie war die einzige Frau im Kreis der Wiener Aktionisten. Gemeinsam mit Peter Weibel prägte sie den Begriff des Wiener Aktionismus maßgeblich. In ihrer Arbeit „Body Sign Action“ zeigt die Künstlerin, dass Kunst kein Gegenentwurf zur Realität ist, sondern Realität mit subversiven Mitteln gestaltet.
In einem Video erklärt Angela Stief, Chefkuratorin des Kunstmuseums Albertina Modern, wie die Arbeit der österreichischen Künstlerin einzuordnen ist. Wer die Tätowierung ausgeführt hat, wird in dieser Dokumentation allerdings nicht erwähnt. Das Atelier VALIE EXPORT bedankte sich im Juni 2019 bei mir für die Informationen und kündigte an, diese in das Werkverzeichnis aufzunehmen. VALIE EXPORT selbst konnte sich nicht mehr genauer an die Aktion erinnern.
Bei der Kunst- und Aktionsveranstaltung „experimenta 4“ im Frankfurter Kunstverein ließ Timm Ulrichs am 3. Juni 1971 seine eigene Signatur auf den Oberarm tätowieren. Tätowiert hat die Signatur Horst Streckenbach. Ulrichs hatte den Frankfurter Tätowierer dort ausfindig gemacht. Vier Jahre später traten beide gemeinsam im Kunstverein Hannover auf. Die Arbeit trägt den Titel „selbst-signierung mit tätowierung“. Konzipiert hatte Ulrichs sie laut Katalog bereits am 28. September 1962.

Die Tätowierung lautet „timm ulrichs, 1940 – …“. Das Todesjahr blieb offen und kann später ergänzt werden. Ulrichs versteht die menschliche Haut als Schreib- und Malfläche, als „shaped canvas“, die über den Skelettrahmen des Körpers gespannt ist. Kunst und Literatur werden so auf den Leib geschrieben und buchstäblich zu Fleisch. Ulrichs bezieht sich dabei auf den Satz „das Wort ward Fleisch“ aus dem Johannesevangelium.
Mit dieser Arbeit verband Ulrichs auch eine grundsätzliche Überlegung zur Tätowierung als Kunstform. Ein Mensch, der ein solches Bild trägt, ist für Ulrichs ein für alle Mal gezeichnet. Er trägt seine Kunst-Haut damit bekenntnishafter zu Markte als ein gewöhnlicher Kunstsammler, der sich leicht wieder von seinen Bildern trennen kann.
Dass die Anerkennung des Tätowierens als Kunst nicht nur eine theoretische Frage war, zeigt der Fall von Horst Streckenbach. 1974 legte er Einspruch gegen eine Entscheidung des Finanzamts Frankfurt am Main ein. Dazu stellte er eine eigene Beweissammlung zusammen.
Um seine Position zu untermauern, verwies er unter anderem auf ein positives Gutachten eines anerkannten Kunsterziehers der Universität Münster. Dieser hatte die schöpferische Form seiner Tätigkeit und den hohen Kunstwert von Hautbildern bestätigt. Streckenbach führte außerdem die Kunst- und Aktionsveranstaltung „experimenta 4“ an. Dort hatte er einen anderen Künstler tätowiert. Die Aktion sei mit großem Beifall aufgenommen, vom Hessischen Rundfunk aufgezeichnet und in der Kultursendung „Titel, Thesen, Temperamente“ ausgestrahlt worden.
Auch die documenta 5 in Kassel diente Streckenbach als Argument. Die documenta gilt als eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. 1972 waren dort Tätowierte, das Buch „The Tattoo Book“ von C. H. Fellowes und die Geschäftskarte eines Tätowierers als Kunstwerke gezeigt worden. Streckenbach warf dem Gutachtergremium mangelnde Sachkenntnis und Vorurteile vor. Er verwies auf die Vorstellung, dass sich nur Kriminelle und Prostituierte tätowieren ließen. Seine Frage lautete: Warum sollte etwas, das in Kassel als Kunst gilt, in Frankfurt keine Kunst sein?

Aus dieser Zeit stammt auch eine handschriftliche Widmung von Timm Ulrichs. Sie lautet: „Der Kunst-Körper dem Körper-Künstler!“ und ist auf den 17. März 1974 datiert.

Während Streckenbach um die Anerkennung des Tätowierens als Kunstform kämpfte, setzte Timm Ulrichs seine eigenen künstlerischen Experimente mit Tätowierungen fort. 1974 ließ er sich im Goethe-Institut in Barcelona eine Zielscheibe über dem Herzen tätowieren.
Die Aktion fand im Rahmen von „Nuevos comportamientos artísticos“ statt. Ulrichs machte sich damit selbst zur lebenden Zielscheibe. Tätowiert hat das Motiv Ramón Draper, ein spanischer Fremdenlegionär. Er arbeitete von Hand und ohne Maschine. Ulrichs beschrieb das Ergebnis später mit den Worten „mehr gerissen als gestochen“.
Ulrichs verstand die Aktion nach eigener Aussage als politisches Manifest. Mit der Tätowierung wollte er die Gegner des Franquismus unterstützen, der autoritär-diktatorischen Herrschaft unter Franco in Spanien. Die Arbeit gelangte über die Sammlung des Zahnarztes Hanns Sohm in die Staatsgalerie Stuttgart. Sie ist Teil des Archivs Sohm und besteht aus einer Collage verschiedener Materialien.
Ein Jahr später nahm Streckenbach sich die Zielscheibentätowierung vor und überarbeitete das Motiv.

Die dabei entstandenen Fotografien zeigen Ulrichs vor dem Schaufenstervorhang in Streckenbachs Frankfurter Studio. Diese Fotoabzüge wurden 2019/20 erstmals in der Sonderausstellung „Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli“ im Museum für Hamburgische Geschichte gezeigt. Sie waren dort in der Abteilung Streckenbach-Kohrs-Ulrichs zu sehen.

Die Verbindung von Tätowierung und bildender Kunst wurde 1975 auch in Hannover zum Ausstellungsthema. Vom 12. Januar bis zum 9. März zeigte der Kunstverein die Ausstellung „Timm Ulrichs: Tätowier-Bilder“. Ulrichs war zu dieser Zeit Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Münster.
Inspiriert von Streckenbachs umfangreichen Musterbüchern übertrug Ulrichs klassische Old-School-Motive vergrößert auf hautfarbene Leinwände. Die Bilder waren für jeweils 600 Mark erhältlich. Eines zeigte beispielsweise eine blaue Schwalbe mit rotem Herz und dem Namen Timm.

Neben den ausgestellten Bildern wurde auch das Tätowieren selbst zum Teil des Programms. Am 26. Januar 1975 fand im Kunstverein ein Tätowier-Happening statt. Ulrichs diskutierte dort mit Horst Streckenbach, der damals laut Zeitungsbericht 49 Jahre alt war und sein Studio in Frankfurt betrieb. Der Tätowierer demonstrierte seine Arbeit vor Ort. Zuvor hatte der Kunstverein Besucher*innen gesucht, die sich im Rahmen der Veranstaltung tätowieren lassen wollten.

Sieben Menschen ließen sich an diesem Tag tätowieren. Als Erste bekam eine 26-Jährige den Schmetterling Nummer 642 auf den rechten Oberarm. Unter den Tätowierten war auch ich: Streckenbach, vielen als Tattoo Samy bekannt, tätowierte mir eine „Spinne im Netz“.

Auch in der Presse fand das Happening Beachtung. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtete unter der Überschrift „Samy tätowierte sieben Häute“ über die Aktion. Streckenbach erklärte darin, dass er sich das Tätowieren selbst beigebracht habe. Interessiert habe er sich dafür bereits seit seinem zwölften Lebensjahr. Selbstständig gemacht habe er sich 1962.

Nicht nur die Zeitungen, sondern auch das Fernsehen dokumentierte das Happening. Am 28. Januar 1975 berichtete das NDR-Nordschau-Magazin über die Veranstaltung. Die Fernsehaufnahmen zeigen Streckenbach vor den Leinwänden mit Motiven wie „Freedom“ und „Death before Dishonor“.

Die Auseinandersetzung mit den Tattoo-Motiven setzte sich auch in einer weiteren Arbeit fort: 1975 entstand das Mappenwerk „Bilder, auf den Leib geschrieben“. Es umfasst fünf Farbserigrafien auf Papier mit den Titeln „True love“, „I love you“, „Kate“, „Mother“ und „Freedom“. Die Kestner Gesellschaft Hannover gab die Mappe in einer Auflage von 100 Exemplaren heraus.
Rund 40 Jahre später wurde das Verhältnis von Tätowierung und Kunst erneut in einer Ausstellung aufgegriffen. 2015 zeigte „Skin Stories. Tattoo & Kunst“ die Arbeiten verschiedener Künstler*innen in Fürth, Nürnberg, Erlangen und Schwabach.

Zu den beteiligten Künstler*innen gehörten Natascha Stellmach, Timm Ulrichs, Manfred Kohrs, Wim Delvoye, Simone Pfaff und Volker Merschky. In einer Vitrine war außerdem eine Tätowiermaschine vom Typ Rotary 1978K ausgestellt.

Auch in den folgenden Jahren blieb Timm Ulrichs dem künstlerischen Experiment mit Tätowierungen treu. 1980 wandte er sich mit einem ungewöhnlichen Vorhaben an Streckenbach: Er plante eine Tätowierung auf dem Augenlid. In seinem Antwortbrief vom 28. September 1980 erklärte Streckenbach, dass sich das Vorhaben problemlos umsetzen lasse. Ursprünglich wollte er die Aufgabe an mich delegieren. Bei einem Treffen mit Ulrichs im selben Jahr überließ ich die Ausführung schließlich Samy. Er verfügte immerhin über langjährige Erfahrung mit kosmetischen Tätowierungen im Gesichtsbereich.

Am 16. Mai 1981 wurde der Schriftzug „The End“ auf Ulrichs’ rechtes Augenlid tätowiert. Ulrichs verstand ihn als Abspann für den „ultimativ letzten Film“. Die Tätowierung wurde in Samys Tattoo-Studio in Frankfurt am Main ausgeführt.
Die Tätowierung war allerdings nicht als eigenständige Arbeit gedacht, sondern als Teil einer größeren Installation.
Diese umfasst eine Fotografie des geschlossenen Augenlids mit der Tätowierung auf einer 150 × 150 Zentimeter großen Leinwand. Hinzu kommt ein Videofilm von sechs Minuten und acht Sekunden Länge. Er zeigt 60 „End“-Einstellungen und Schlussbilder aus verschiedenen Filmklassikern. Anschließend ist der Tätowiervorgang zu sehen.

Ein weiteres Mal machte Ulrichs seinen eigenen Körper zum Träger seiner Kunst. Am 9. Dezember 2005 ließ er sich den Schriftzug „© by Timm Ulrichs“ auf den Unterschenkel tätowieren. Die Tätowierung führte Manuela Langner vom Tattoo-Studio Sweet Pain in Kassel aus. Auch über diese Aktion wurde ein rund fünfminütiger Film gefertigt.
Nicht nur der menschliche Körper wurde in den vorgestellten Arbeiten zur künstlerischen Projektionsfläche. Bereits 1972 entstand eine Arbeit, bei der Tattoo-Motive auf einer Schaufensterpuppe präsentiert wurden. Beteiligt waren der deutsche Maler, Autor und Entertainer Ferry Ahrlé (1924–2018) und der Tätowierer Horst Streckenbach. Die Puppe wurde im Schaufenster des Kulturbüros der Stadt Frankfurt ausgestellt.

Die Idee blieb nicht auf diese frühe Arbeit beschränkt. In den folgenden Jahrzehnten griffen weitere Tätowierer*innen und Künstler*innen das Konzept auf. 1980 waren Ole Hansen und Cliff Raven mit einer solchen Arbeit auf der Denver Tattoo Convention vertreten.
Die Berliner GAT („Grüße aus Tätowierungen“) machte diese Kunstform ab 2014 zum Thema mehrerer Ausstellungen. Weitere Präsentationen folgten 2016 und 2023.


2024 entstand in Mannheim mit „Truly Yours“ ein Kunstwerk zum Mitmachen. Das Publikum konnte sich aktiv an seiner Entstehung und Veränderung beteiligen.
Die vorgestellten Arbeiten zeigen, wie unterschiedlich Tätowierungen in der Kunst eingesetzt werden können: als öffentliches Statement, als Intervention im Museumsraum, als persönliche Signatur oder als Teil einer Inszenierung. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen bildender Kunst, Performance und Tätowierpraxis.
Zugleich dokumentieren die Beispiele einen Abschnitt der Tätowiergeschichte, in dem Tätowierer*innen und Künstler*innen neue Wege suchten, das Medium aus seinem gesellschaftlich geprägten Kontext herauszulösen und als eigenständige künstlerische Ausdrucksform zu etablieren.