Tätowierungen in der bildenden Kunst der 1970er und 1980er Jahre

Ein Strumpfband auf dem Oberschenkel, eine Zielscheibe über dem Herzen und „The End“ auf dem Augenlid: Manfred Kohrs und Ole Wittmann dokumentieren künstlerische Tätowieraktionen der 1970er und 1980er Jahre.
Tätowierungen in der bildenden Kunst der 1970er und 1980er Jahre
Tätowierungen in der bildenden Kunst der 1970er und 1980er Jahre


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Tätowierungen können Ausdruck von Ideen, Konzepten und künstlerischer Reflexion sein. Damit finden sie auch in der Konzeptkunst Anwendung. Die Haut wird dabei zum Medium. Sowohl der Tätowierungsprozess als auch die fertige Tätowierung können als performative und konzeptuelle Kunstwerke verstanden werden.

An einigen der vorgestellten Aktionen war ich selbst beteiligt. Später habe ich sie im Rahmen meiner Forschungsarbeit zur deutschen Tätowiergeschichte dokumentiert.

Spider Webb: Protest vor Museen

Als Tätowieren in New York City noch verboten war, setzte sich der US-amerikanische Tätowierer, Künstler und Fachbuchautor Spider Webb für die Anerkennung von Tätowierungen als freie und geschützte Kunstform ein. Sein bürgerlicher Name war Joseph Patrick O’Sullivan (1944–2022). Das Verbot galt von 1961 bis 1997.

1976 tätowierte Webb vor dem Museum of Modern Art. Die illegale Performance führte zur geplanten Verhaftung. 1981 folgte eine weitere Aktion auf den Stufen des Metropolitan Museum of Art. Dort tätowierte Webb die Performance-Künstlerin Annie Sprinkle live.

Spider Webb tätowiert 1976 vor dem Museum of Modern Art in New York einer Frau einen Vogel auf die Schulter
New York 1976: Spider Webb tätowiert vor dem Museum of Modern Art einer Frau einen Vogel auf die Schulter / Foto: Marty Lederhandler/AP

Seinen künstlerischen Protest setzte Webb auch mit dem Projekt „X-1000“ aus dem Jahr 1977 fort. Dabei wurde ein X auf 1.000 Menschen tätowiert. Einer einzigen Person wurden dagegen 1.000 X tätowiert.

Die Nutzung weltbekannter Museen als Bühne für den Protest sorgte für die gewünschte Aufmerksamkeit. So gelten diese Aktionen als erster Schritt zur Legalisierung der Tattoo-Szene in New York.

VALIE EXPORT: Body Sign Action

Auch in Europa wurde die Tätowierung in den 1970er-Jahren zum Bestandteil künstlerischer Performances. Am 2. Juli 1970 fand in Frankfurt am Main die „Body Sign Action“ der österreichischen Medien- und Performancekünstlerin VALIE EXPORT statt. Sie ließ sich ein Strumpfband in Schwarz und Rot auf den Oberschenkel tätowieren. Ausgeführt wurde die Tätowierung von Horst Streckenbach in einem Studio in der Brückenstraße.

Bei der Ortsangabe im hier zitierten Konzeptblatt hat sich VALIE EXPORT allerdings geirrt: Das Tattoo-Studio von Streckenbach, in dem die Aktion stattfand, lag nicht an der Brückenstraße, sondern an der Kurt-Schumacher-Straße in Frankfurt am Main, unmittelbar an der Alten Brücke. Wahrscheinlich ist die Verwechslung durch die Nähe zur Alten Brücke entstanden, denn die gleichnamige Brückenstraße liegt auf der gegenüberliegenden Mainseite in Sachsenhausen.

Der Fotograf Gunter Rambow dokumentierte die Aktion. Seine Aufnahmen zeigen sowohl den Tätowierungsprozess als auch das fertige Motiv.

Horst Streckenbach tätowiert 1970 das Strumpfband der Body Sign Action von VALIE EXPORT
Frankfurt am Main, 2. Juli 1970: Horst Streckenbach sticht das Strumpfband auf den Oberschenkel von VALIE EXPORT / Foto: Gunter Rambow, bereitgestellt von Manfred Kohrs, digital aufbereitet von feelfarbig
Das fertig tätowierte Strumpfband auf dem Oberschenkel von VALIE EXPORT, 1970
Das fertige Motiv: das tätowierte Strumpfband auf dem Oberschenkel der Künstlerin / Foto: Gunter Rambow, bereitgestellt von Manfred Kohrs, digital aufbereitet von feelfarbig

Eine der Fotografien zeigt VALIE EXPORT in einer ungewöhnlichen Pose: Sie kniet mit zurückgelegtem Kopf und hebt ihr Kleid am linken Bein an. Was zunächst wie ein Strumpfbandhalter aussieht, ist tatsächlich die Tätowierung. Die Künstlerin versteht das Strumpfband als Symbol einer vergangenen weiblichen Erotik, die von Männern für Frauen geschaffen wurde. Die sinnliche Darstellung ist zugleich eine Kritik am System.

VALIE EXPORT kniend mit angehobenem Kleid und dem tätowierten Strumpfband auf dem Oberschenkel, 1970
Die Künstlerin zeigt das tätowierte Strumpfband, 1970 / Foto bereitgestellt von Manfred Kohrs

VALIE EXPORT und die Wiener Aktionisten

Um die künstlerische Einordnung der „Body Sign Action“ zu verstehen, lohnt sich auch ein Blick auf VALIE EXPORTs Umfeld. Sie war die einzige Frau im Kreis der Wiener Aktionisten. Gemeinsam mit Peter Weibel prägte sie den Begriff des Wiener Aktionismus maßgeblich. In ihrer Arbeit „Body Sign Action“ zeigt die Künstlerin, dass Kunst kein Gegenentwurf zur Realität ist, sondern Realität mit subversiven Mitteln gestaltet.

In einem Video erklärt Angela Stief, Chefkuratorin des Kunstmuseums Albertina Modern, wie die Arbeit der österreichischen Künstlerin einzuordnen ist. Wer die Tätowierung ausgeführt hat, wird in dieser Dokumentation allerdings nicht erwähnt. Das Atelier VALIE EXPORT bedankte sich im Juni 2019 bei mir für die Informationen und kündigte an, diese in das Werkverzeichnis aufzunehmen. VALIE EXPORT selbst konnte sich nicht mehr genauer an die Aktion erinnern.

Timm Ulrichs: Selbstsignierung

Bei der Kunst- und Aktionsveranstaltung „experimenta 4“ im Frankfurter Kunstverein ließ Timm Ulrichs am 3. Juni 1971 seine eigene Signatur auf den Oberarm tätowieren. Tätowiert hat die Signatur Horst Streckenbach. Ulrichs hatte den Frankfurter Tätowierer dort ausfindig gemacht. Vier Jahre später traten beide gemeinsam im Kunstverein Hannover auf. Die Arbeit trägt den Titel „selbst-signierung mit tätowierung“. Konzipiert hatte Ulrichs sie laut Katalog bereits am 28. September 1962.

Timm Ulrichs mit seiner tätowierten Signatur auf dem Oberarm, experimenta 4, Frankfurt 1971
Timm Ulrichs mit der tätowierten Signatur auf dem Oberarm, experimenta 4 im Frankfurter Kunstverein, 3. Juni 1971 / Foto bereitgestellt von Manfred Kohrs

Die Tätowierung lautet „timm ulrichs, 1940 – …“. Das Todesjahr blieb offen und kann später ergänzt werden. Ulrichs versteht die menschliche Haut als Schreib- und Malfläche, als „shaped canvas“, die über den Skelettrahmen des Körpers gespannt ist. Kunst und Literatur werden so auf den Leib geschrieben und buchstäblich zu Fleisch. Ulrichs bezieht sich dabei auf den Satz „das Wort ward Fleisch“ aus dem Johannesevangelium.

Mit dieser Arbeit verband Ulrichs auch eine grundsätzliche Überlegung zur Tätowierung als Kunstform. Ein Mensch, der ein solches Bild trägt, ist für Ulrichs ein für alle Mal gezeichnet. Er trägt seine Kunst-Haut damit bekenntnishafter zu Markte als ein gewöhnlicher Kunstsammler, der sich leicht wieder von seinen Bildern trennen kann.

Streckenbach und das Finanzamt

Dass die Anerkennung des Tätowierens als Kunst nicht nur eine theoretische Frage war, zeigt der Fall von Horst Streckenbach. 1974 legte er Einspruch gegen eine Entscheidung des Finanzamts Frankfurt am Main ein. Dazu stellte er eine eigene Beweissammlung zusammen.

Um seine Position zu untermauern, verwies er unter anderem auf ein positives Gutachten eines anerkannten Kunsterziehers der Universität Münster. Dieser hatte die schöpferische Form seiner Tätigkeit und den hohen Kunstwert von Hautbildern bestätigt. Streckenbach führte außerdem die Kunst- und Aktionsveranstaltung „experimenta 4“ an. Dort hatte er einen anderen Künstler tätowiert. Die Aktion sei mit großem Beifall aufgenommen, vom Hessischen Rundfunk aufgezeichnet und in der Kultursendung „Titel, Thesen, Temperamente“ ausgestrahlt worden.

Die documenta 5 als Argument

Auch die documenta 5 in Kassel diente Streckenbach als Argument. Die documenta gilt als eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. 1972 waren dort Tätowierte, das Buch „The Tattoo Book“ von C. H. Fellowes und die Geschäftskarte eines Tätowierers als Kunstwerke gezeigt worden. Streckenbach warf dem Gutachtergremium mangelnde Sachkenntnis und Vorurteile vor. Er verwies auf die Vorstellung, dass sich nur Kriminelle und Prostituierte tätowieren ließen. Seine Frage lautete: Warum sollte etwas, das in Kassel als Kunst gilt, in Frankfurt keine Kunst sein?

Schreibmaschinenseite aus Horst Streckenbachs Beweissammlung von 1974 mit dem Verweis auf die documenta 5
Beitrag Nr. 3 aus Streckenbachs Beweissammlung von 1974 mit dem Verweis auf die documenta 5 / Quelle: Sammlung Streckenbach, bereitgestellt von Manfred Kohrs

Aus dieser Zeit stammt auch eine handschriftliche Widmung von Timm Ulrichs. Sie lautet: „Der Kunst-Körper dem Körper-Künstler!“ und ist auf den 17. März 1974 datiert.

Handschriftliche Widmung von Timm Ulrichs: Der Kunst-Körper dem Körper-Künstler, 17. März 1974
Die handschriftliche Widmung von Timm Ulrichs vom 17. März 1974 / Bereitgestellt von Manfred Kohrs

Timm Ulrichs als Zielscheibe

Während Streckenbach um die Anerkennung des Tätowierens als Kunstform kämpfte, setzte Timm Ulrichs seine eigenen künstlerischen Experimente mit Tätowierungen fort. 1974 ließ er sich im Goethe-Institut in Barcelona eine Zielscheibe über dem Herzen tätowieren.

Die Aktion fand im Rahmen von „Nuevos comportamientos artísticos“ statt. Ulrichs machte sich damit selbst zur lebenden Zielscheibe. Tätowiert hat das Motiv Ramón Draper, ein spanischer Fremdenlegionär. Er arbeitete von Hand und ohne Maschine. Ulrichs beschrieb das Ergebnis später mit den Worten „mehr gerissen als gestochen“.

Ulrichs verstand die Aktion nach eigener Aussage als politisches Manifest. Mit der Tätowierung wollte er die Gegner des Franquismus unterstützen, der autoritär-diktatorischen Herrschaft unter Franco in Spanien. Die Arbeit gelangte über die Sammlung des Zahnarztes Hanns Sohm in die Staatsgalerie Stuttgart. Sie ist Teil des Archivs Sohm und besteht aus einer Collage verschiedener Materialien.

Überarbeitung durch Streckenbach

Ein Jahr später nahm Streckenbach sich die Zielscheibentätowierung vor und überarbeitete das Motiv.

Timm Ulrichs mit der tätowierten Zielscheibe über dem Herzen
Timm Ulrichs mit der Zielscheibe über dem Herzen, aufgenommen um 1975 nach der Überarbeitung durch Horst Streckenbach / Foto: Streckenbach, bereitgestellt von Manfred Kohrs, digital aufbereitet von feelfarbig

Die dabei entstandenen Fotografien zeigen Ulrichs vor dem Schaufenstervorhang in Streckenbachs Frankfurter Studio. Diese Fotoabzüge wurden 2019/20 erstmals in der Sonderausstellung „Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli“ im Museum für Hamburgische Geschichte gezeigt. Sie waren dort in der Abteilung Streckenbach-Kohrs-Ulrichs zu sehen.

Timm Ulrichs vor dem Schaufenstervorhang in Streckenbachs Frankfurter Studio, um 1975
Timm Ulrichs vor dem Schaufenstervorhang in Streckenbachs Frankfurter Studio, um 1975 / Foto: Streckenbach, bereitgestellt von Manfred Kohrs, digital aufbereitet von feelfarbig

Hannover: Tätowieren als Happening

Die Verbindung von Tätowierung und bildender Kunst wurde 1975 auch in Hannover zum Ausstellungsthema. Vom 12. Januar bis zum 9. März zeigte der Kunstverein die Ausstellung „Timm Ulrichs: Tätowier-Bilder“. Ulrichs war zu dieser Zeit Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Münster.

Inspiriert von Streckenbachs umfangreichen Musterbüchern übertrug Ulrichs klassische Old-School-Motive vergrößert auf hautfarbene Leinwände. Die Bilder waren für jeweils 600 Mark erhältlich. Eines zeigte beispielsweise eine blaue Schwalbe mit rotem Herz und dem Namen Timm.

Die Leinwände Kate und True Love von Timm Ulrichs im Kunstverein Hannover, 1975
Die Leinwände „Kate“ und „True Love“ in der Ausstellung „Timm Ulrichs: Tätowier-Bilder“, Kunstverein Hannover 1975 / Foto bereitgestellt von Manfred Kohrs, digital aufbereitet von feelfarbig

Sieben Tätowierungen im Kunstverein

Neben den ausgestellten Bildern wurde auch das Tätowieren selbst zum Teil des Programms. Am 26. Januar 1975 fand im Kunstverein ein Tätowier-Happening statt. Ulrichs diskutierte dort mit Horst Streckenbach, der damals laut Zeitungsbericht 49 Jahre alt war und sein Studio in Frankfurt betrieb. Der Tätowierer demonstrierte seine Arbeit vor Ort. Zuvor hatte der Kunstverein Besucher*innen gesucht, die sich im Rahmen der Veranstaltung tätowieren lassen wollten.

Horst Streckenbach tätowiert im Kunstverein Hannover vor der Leinwand Freedom, 1975
Tätowier-Happening im Kunstverein Hannover am 26. Januar 1975, im Hintergrund die Leinwand „Freedom“ / Pressefoto, Fotograf*in unbekannt, bereitgestellt von Manfred Kohrs, digital aufbereitet von feelfarbig

Sieben Menschen ließen sich an diesem Tag tätowieren. Als Erste bekam eine 26-Jährige den Schmetterling Nummer 642 auf den rechten Oberarm. Unter den Tätowierten war auch ich: Streckenbach, vielen als Tattoo Samy bekannt, tätowierte mir eine „Spinne im Netz“.

Spinnennetz-Tätowierung auf der Schulter von Manfred Kohrs, gestochen von Horst Streckenbach
Manfred Kohrs mit seiner „Spinne im Netz“, gestochen 1975 von Horst Streckenbach im Kunstverein Hannover / Foto: privat, bereitgestellt von Manfred Kohrs, digital aufbereitet von feelfarbig

Auch in der Presse fand das Happening Beachtung. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtete unter der Überschrift „Samy tätowierte sieben Häute“ über die Aktion. Streckenbach erklärte darin, dass er sich das Tätowieren selbst beigebracht habe. Interessiert habe er sich dafür bereits seit seinem zwölften Lebensjahr. Selbstständig gemacht habe er sich 1962.

Zeitungsausschnitt der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 27. Januar 1975 mit der Überschrift Samy tätowierte sieben Häute
Der Bericht der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 27. Januar 1975 / Zeitungsausschnitt: HAZ, Foto: Karin Blüher, bereitgestellt von Manfred Kohrs

Berichterstattung und weitere Werke

Nicht nur die Zeitungen, sondern auch das Fernsehen dokumentierte das Happening. Am 28. Januar 1975 berichtete das NDR-Nordschau-Magazin über die Veranstaltung. Die Fernsehaufnahmen zeigen Streckenbach vor den Leinwänden mit Motiven wie „Freedom“ und „Death before Dishonor“.

Horst Streckenbach und Timm Ulrichs beim Tätowier-Happening im Kunstverein Hannover 1975, von oben fotografiert
Blick von oben auf das Happening am 26. Januar 1975: unten links Horst Streckenbach, unten rechts Timm Ulrichs, dahinter Publikum und das Aufnahmeteam des NDR / Pressefoto, Fotograf*in unbekannt, bereitgestellt von Manfred Kohrs, digital aufbereitet von feelfarbig

Die Auseinandersetzung mit den Tattoo-Motiven setzte sich auch in einer weiteren Arbeit fort: 1975 entstand das Mappenwerk „Bilder, auf den Leib geschrieben“. Es umfasst fünf Farbserigrafien auf Papier mit den Titeln „True love“, „I love you“, „Kate“, „Mother“ und „Freedom“. Die Kestner Gesellschaft Hannover gab die Mappe in einer Auflage von 100 Exemplaren heraus.

Skin Stories: Tattoo & Kunst

Rund 40 Jahre später wurde das Verhältnis von Tätowierung und Kunst erneut in einer Ausstellung aufgegriffen. 2015 zeigte „Skin Stories. Tattoo & Kunst“ die Arbeiten verschiedener Künstler*innen in Fürth, Nürnberg, Erlangen und Schwabach.

Die fünf Serigrafien aus dem Mappenwerk Bilder, auf den Leib geschrieben von Timm Ulrichs in der Kunst Galerie Fürth, 2015
Die fünf Serigrafien aus dem Mappenwerk „Bilder, auf den Leib geschrieben“ in der Ausstellung „Skin Stories“, Kunst Galerie Fürth 2015 / Foto: Diana Kohrs

Zu den beteiligten Künstler*innen gehörten Natascha Stellmach, Timm Ulrichs, Manfred Kohrs, Wim Delvoye, Simone Pfaff und Volker Merschky. In einer Vitrine war außerdem eine Tätowiermaschine vom Typ Rotary 1978K ausgestellt.

Vitrine mit einer Tätowiermaschine vor einer Wand mit Tattoo-Vorlagen in der Kunst Galerie Fürth, 2015
Vitrine mit der Tätowiermaschine Rotary 1978K vor einer Wand mit Tattoo-Vorlagen, „Skin Stories“, Kunst Galerie Fürth 2015 / Foto: Diana Kohrs

The End: Tätowierung auf dem Augenlid

Auch in den folgenden Jahren blieb Timm Ulrichs dem künstlerischen Experiment mit Tätowierungen treu. 1980 wandte er sich mit einem ungewöhnlichen Vorhaben an Streckenbach: Er plante eine Tätowierung auf dem Augenlid. In seinem Antwortbrief vom 28. September 1980 erklärte Streckenbach, dass sich das Vorhaben problemlos umsetzen lasse. Ursprünglich wollte er die Aufgabe an mich delegieren. Bei einem Treffen mit Ulrichs im selben Jahr überließ ich die Ausführung schließlich Samy. Er verfügte immerhin über langjährige Erfahrung mit kosmetischen Tätowierungen im Gesichtsbereich.

Briefentwurf von Horst Streckenbach an Timm Ulrichs vom 28. September 1980 zur geplanten Tätowierung auf dem Augenlid
Entwurf von Streckenbachs Antwortbrief an Timm Ulrichs vom 28. September 1980 / Quelle: Sammlung Streckenbach, bereitgestellt von Manfred Kohrs, digital aufbereitet von feelfarbig

Am 16. Mai 1981 wurde der Schriftzug „The End“ auf Ulrichs’ rechtes Augenlid tätowiert. Ulrichs verstand ihn als Abspann für den „ultimativ letzten Film“. Die Tätowierung wurde in Samys Tattoo-Studio in Frankfurt am Main ausgeführt.

Die Installation „The End“

Die Tätowierung war allerdings nicht als eigenständige Arbeit gedacht, sondern als Teil einer größeren Installation.

Diese umfasst eine Fotografie des geschlossenen Augenlids mit der Tätowierung auf einer 150 × 150 Zentimeter großen Leinwand. Hinzu kommt ein Videofilm von sechs Minuten und acht Sekunden Länge. Er zeigt 60 „End“-Einstellungen und Schlussbilder aus verschiedenen Filmklassikern. Anschließend ist der Tätowiervorgang zu sehen.

Die Fotoarbeit The End von Timm Ulrichs im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Die Fotoarbeit „The End“ 2016 im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, rechts Manfred Kohrs, links Kurator Dennis Conrad / Foto: Diana Kohrs

© by Timm Ulrichs

Ein weiteres Mal machte Ulrichs seinen eigenen Körper zum Träger seiner Kunst. Am 9. Dezember 2005 ließ er sich den Schriftzug „© by Timm Ulrichs“ auf den Unterschenkel tätowieren. Die Tätowierung führte Manuela Langner vom Tattoo-Studio Sweet Pain in Kassel aus. Auch über diese Aktion wurde ein rund fünfminütiger Film gefertigt.

Tattoo-Motive auf Schaufensterpuppen

Nicht nur der menschliche Körper wurde in den vorgestellten Arbeiten zur künstlerischen Projektionsfläche. Bereits 1972 entstand eine Arbeit, bei der Tattoo-Motive auf einer Schaufensterpuppe präsentiert wurden. Beteiligt waren der deutsche Maler, Autor und Entertainer Ferry Ahrlé (1924–2018) und der Tätowierer Horst Streckenbach. Die Puppe wurde im Schaufenster des Kulturbüros der Stadt Frankfurt ausgestellt.

Bemalte Schaufensterpuppe von Ferry Ahrlé und Horst Streckenbach im Schaufenster des Frankfurter Kulturbüros, 1972
Die Schaufensterpuppe von Ferry Ahrlé und Horst Streckenbach im Schaufenster des Kulturbüros der Stadt Frankfurt, 1972 / Foto: Horst Streckenbach, bereitgestellt von Manfred Kohrs, digital aufbereitet von feelfarbig

Weitere Ausstellungen mit Schaufensterpuppen

Die Idee blieb nicht auf diese frühe Arbeit beschränkt. In den folgenden Jahrzehnten griffen weitere Tätowierer*innen und Künstler*innen das Konzept auf. 1980 waren Ole Hansen und Cliff Raven mit einer solchen Arbeit auf der Denver Tattoo Convention vertreten.

Die Berliner GAT („Grüße aus Tätowierungen“) machte diese Kunstform ab 2014 zum Thema mehrerer Ausstellungen. Weitere Präsentationen folgten 2016 und 2023.

Gestaltete Schaufensterpuppe von Jan & Timo, Culture Shocks Wolfsburg/Braunschweig, bei der GAT in Berlin 2016
Schaufensterpuppe von Jan & Timo, Culture Shocks Wolfsburg/Braunschweig, bei der GAT in Berlin 2016 / Foto bereitgestellt von Manfred Kohrs
Mit Tattoo-Motiven gestaltete Schaufensterpuppe bei der GAT in Berlin 2023
Mit Tattoo-Motiven gestaltete Schaufensterpuppe bei der GAT in Berlin, 2023 / Foto bereitgestellt von Manfred Kohrs

2024 entstand in Mannheim mit „Truly Yours“ ein Kunstwerk zum Mitmachen. Das Publikum konnte sich aktiv an seiner Entstehung und Veränderung beteiligen.

Tätowierungen als künstlerisches Medium

Die vorgestellten Arbeiten zeigen, wie unterschiedlich Tätowierungen in der Kunst eingesetzt werden können: als öffentliches Statement, als Intervention im Museumsraum, als persönliche Signatur oder als Teil einer Inszenierung. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen bildender Kunst, Performance und Tätowierpraxis.

Zugleich dokumentieren die Beispiele einen Abschnitt der Tätowiergeschichte, in dem Tätowierer*innen und Künstler*innen neue Wege suchten, das Medium aus seinem gesellschaftlich geprägten Kontext herauszulösen und als eigenständige künstlerische Ausdrucksform zu etablieren.

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