Befähigungsnachweis in der Tattoo-Branche: Diskussion, Kritik und Perspektiven

Befähigungsnachweis in der Tattoo-Branche: Diskussion, Kritik und Perspektiven
Befähigungsnachweis in der Tattoo-Branche: Diskussion, Kritik und Perspektiven


Dein Support für Feelfarbig 🖤Hi! Schön, dass dir unsere Arbeit gefällt. Unsere Recherchen und Beiträge sind stets unabhängig und für dich kostenlos. Damit das auch so bleiben kann, freuen wir uns über deine Unterstützung. Vielen Dank! ✌️

„Tätowieren braucht keine Zertifikate.“

Übersicht


Absatztrenner

Die Diskussion um Regulierung in der Tattoo-Branche nimmt erneut Fahrt auf. Der „Bundesverband Tattoo e.V.“ (BVT) kündigt an, einen eigenen Befähigungsnachweis einzuführen. Gleichzeitig formiert sich Widerstand innerhalb der Branche – angeführt von den beiden Tattoo-Verbänden „Tätowierkunst e.V.“ und „Deutsche Organisierte Tätowierer e.V.“ (DOT).

Auch viele Tätowierer*innen stellen sich die Frage, ob dieses Modell tatsächlich zur Verbesserung von Qualität und Sicherheit beiträgt oder ob es nach ihrer Einschätzung neue strukturelle Probleme schafft, ohne bestehende Herausforderungen wirksam zu lösen.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Tätowieren lässt sich nicht einfach regulieren

Die zentrale Frage lautet nicht, ob Tätowieren mehr Verantwortung braucht. Diese Verantwortung ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Arbeit. Die eigentliche Frage lautet, wie Regulierung aussehen darf, ohne das Wesen dieses Berufs zu beschädigen. Denn Tätowieren ist kein klassischer Handwerksberuf und auch kein reiner Dienstleistungsjob.

Vielmehr ist Tätowieren eine körpernahe Arbeit mit Gesundheitsverantwortung, aber zugleich auch eine Kunstform. Und genau diese Mischung macht jede einfache Standardisierung problematisch. Kreative Berufe leben von individueller Entwicklung, persönlichem Stil und jahrelanger Praxis. Diese Faktoren lassen sich nicht sinnvoll in starre Prüfungsverordnungen übersetzen.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Ein Befähi­gungsnachweis macht noch keine Qualität

Befähigungsnachweis ist ebenso wie „Zertifikat“ oder „Zeugnis“ kein geschützter Begriff. Die Wertigkeit eines solchen Nachweises hängt ausschließlich davon ab, wer prüft, wie geprüft wird und welche Kriterien angewendet werden.

Wenn Qualität an einem einzelnen Prüfungstag bewertet werden soll, entsteht zwangsläufig eine Momentaufnahme. Insbesondere Tattoos zeigen ihre wahre Qualität nicht in der ersten Stunde, sondern nach Wochen, Monaten und Jahren. Linien, die heute sauber aussehen, können sich später ausbreiten. Flächen, die frisch kräftig wirken, verlieren ohne gute Technik schnell an Stabilität und Farbe. Auch Heilungsverläufe unterscheiden sich je nach Hauttyp, Pflege und Technik.

Ein einzelner Praxistest kann diese Langzeitrealität nicht abbilden. Er kann weder konstante Arbeitsqualität noch Verantwortungsbewusstsein über Jahre hinweg messen oder bestätigen. Was er erzeugt, ist vor allem ein formaler Nachweis auf Papier. Doch Tattoo-Qualität entsteht nicht auf Papier. Sie entsteht auf Haut. Sie entsteht auf Menschen.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Ein Prüfungs­tag für ein lebenslanges Arbeitsfeld

Der geplante Befähigungsnachweis des BVT soll aus einer theoretischen und einer praktischen Prüfung bestehen, die an zwei Tagen stattfinden. Besteht man diese Prüfung, gilt der Nachweis dauerhaft. Genau hier sehen Kritiker*innen ein Problem.

Tätowieren ist kein statischer Beruf. Arbeitsweisen verändern sich, Stile entwickeln sich weiter, neue Maschinen, Nadelsysteme, Farben und Techniken kommen regelmäßig hinzu. Daher probieren Tattoo Artists oft neue Ansätze aus und erweitern ihr handwerkliches sowie künstlerisches Repertoire.

Doch kreative Entwicklung bedeutet Lernphasen. Wer einen neuen Stil erlernt oder mit neuem Equipment arbeitet, befindet sich zunächst wieder in einem Anpassungsprozess. Qualität wächst mit Erfahrung. Ein einmal bestandener Prüfungstag kann diese Dynamik nicht abbilden.

Jedoch suggeriert ein lebenslang gültiger Nachweis eine gleichbleibende Qualifikation, obwohl sich die Realität ständig verändert. Er berücksichtigt weder Weiterentwicklung noch Spezialisierung noch kreative Umbrüche.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Eine einzelne Praxisprüfung schafft keine echte Orientierung

Eine praktische Prüfung kann immer nur einen sehr begrenzten Ausschnitt der realen Studioarbeit abbilden. Ein Tattoo Artist könnte in der Prüfung beispielsweise einen realistischen Schmetterling tätowieren und bestehen.

In der Praxis kommen jedoch Kund*innen mit völlig anderen Anforderungen wie Fineline, geometrischen Motiven, Schriftzügen oder Cover Ups. Diese Bereiche erfordern jeweils eigene Erfahrung, Spezialisierung und Routine. Ein allgemeiner Befähigungsnachweis kann diese Unterschiede nicht sichtbar machen.

Daher sehen Kritiker*innen darin keine echte Orientierung für Kund*innen, sondern eine vereinfachte Darstellung von Qualität, die der tatsächlichen Vielfalt und Spezialisierung im Tattoo-Beruf nicht gerecht wird.

Solange hygienische Standards eingehalten werden, bleibt die eigentliche Qualitätsentscheidung ohnehin bei den Kund*innen selbst. Sie müssen sich anhand von Portfolio und abgeheilten Tätowierungen entscheiden, ob die Arbeit eines Tattoo Artists zu ihren eigenen Vorstellungen passt. Ein Befähigungsnachweis kann diese individuelle Auswahl nicht ersetzen und schafft keine objektive Aussage über künstlerische Qualität.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Kunst lässt sich nicht normieren

Tätowieren ist Kunst. Stil, Ausdruck, individuelle Handschrift und kreative Entwicklung lassen sich nicht in ein Prüfungsraster pressen.

Ein normiertes Bewertungssystem bevorzugt zwangsläufig immer das Messbare. Saubere Linienführung nach technischer Norm. Standardisierte Motive. Reproduzierbare Abläufe. Was dabei verloren geht, ist das, was Tattoo-Kultur seit Jahrzehnten geprägt hat. Vielfalt, Stilbruch, Experimente und individuelle Wege in den Beruf.

Viele sehr gute und erfolgreiche Tattoo-Künstler*innen hätten in klassischen Prüfungssystemen womöglich nicht bestanden. Nicht, weil sie schlecht oder unhygienisch tätowieren, sondern weil sie außerhalb von messbaren Normen denken und arbeiten.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Prüfungsdruck trifft kreative Berufe besonders stark

Ein weiterer Aspekt, der in der Diskussion häufig übersehen wird, ist der psychologische Druck, den Prüfungen erzeugen. Prüfungsangst ist kein Randphänomen. Sie betrifft viele Menschen und besonders häufig kreative Persönlichkeiten, deren Arbeitsweise stark situationsabhängig ist.

Nicht jede Person, die im Studio, welches auch auf ihre eigenen Bedürfnisse zugeschnitten ist, über Jahre hinweg konstant hochwertige Tattoos umsetzt, kann diese Leistung unter künstlich erzeugtem Prüfungsdruck abrufen.

Kreative Arbeit funktioniert nicht wie das Abrufen von auswendig gelerntem Wissen. Stattdessen lebt sie von Routine, Vertrauen in die eigene Arbeitsumgebung und mentaler Stabilität. Eine Prüfungssituation bildet diese Realität nicht ab.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Praxisprüfungen auf Menschen

Hinzu kommt ein ethisch problematischer Punkt, der bei solchen praktischen Prüfungen immer wieder auftaucht. Bei einer Tattoo-Prüfung müssten Prüflinge selbst eine Person mitbringen, die im Rahmen der Prüfung tätowiert wird.

Damit wird reale menschliche Haut zu einem Prüfobjekt. Die tätowierte Person trägt das Ergebnis dauerhaft am Körper – anders als es beispielsweise beim Modell einer Friseur-Prüfung der Fall ist. Fehler, Nervosität oder Prüfungsstress wirken sich unmittelbar dauerhaft auf ein lebendes Testsubjekt aus.

Diese Verantwortung wird vollständig auf die Beteiligten abgewälzt und steht für uns in keinem Verhältnis zum Nutzen einer formalen Bewertungssituation.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Regulierung ist nicht grundsätzlich falsch

Wichtig ist eine klare Differenzierung. Kritik an Zertifikaten oder dem BVT-Befähigungsnachweis bedeutet nicht, dass es keine Standards geben sollte. Im Gegenteil – es gibt sogar bereits objektive Grundlagen für deren Kontrolle.

Die DIN EN 17169 definiert sehr strenge hygienische Standards für Tattoo-Studios. Sie beschreibt Anforderungen an Arbeitsplätze, Desinfektion, Materialhandling, Hautvorbereitung, Dokumentation und Schulung. Entwickelt wurde diese Norm von einem Zusammenschluss verschiedener Tattoo-Verbände mit dem Ziel, aus der Branche heraus und mit Verständnis für die realen Arbeitsabläufe einen überprüfbaren Standard zu schaffen.

Hygiene ist überprüfbar. Hygiene ist messbar. Hygiene schützt Kundschaft sowie Tattoo Artists gleichermaßen. Hier liegt der einzige Bereich, in dem Regulierung fachlich sinnvoll und umsetzbar ist. Sauberkeit, Infektionsschutz und Arbeitssicherheit können gut definiert und auch überprüft werden. Alles darüber hinaus wird sehr schnell subjektiv.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Warum Zertifikate neue Probleme schaffen

Private Zertifizierungsmodelle verschieben Verantwortung weg von neutralen Kontrollinstanzen hin zu Organisationen, die Prüfungen anbieten und gleichzeitig an deren Verkauf verdienen. Dadurch entsteht ein struktureller Interessenkonflikt.

Hinzu kommen praktische Probleme, die man aus anderen Ländern, wie beispielsweise Österreich, bereits kennt. Begrenzte Prüfungstermine, hohe Vorbereitungskosten, ungleicher Zugang je nach Region und finanzielle Einstiegshürden. Wer sich bis zu mehrere Tausend Euro für Kurse und Prüfungen leisten kann, bekommt leichter Zugang als talentierte Artists ohne finanzielle Rücklagen.

Die Kosten für die Prüfung sollen laut aktuellen Angaben des BVT bei ihrem Befähigungsnachweis 550 € zzgl. Mehrwertsteuer betragen. Alle zusätzlich entstehenden Kosten, z.B. durch An- und Abreise oder Übernachtung, trägt der Prüfling hierbei für sich und sein Tattoo-Modell selbst.

Ein direkter Qualitätsgewinn lässt sich dadurch aus Sicht vieler Kritiker*innen nicht absehen. Es wird sozial und wirtschaftlich selektiert, wer „offiziell“ als befähigt gelten soll.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Warum der BVT einen Befähigungs­nachweis möchte

Der BVT begründet den geplanten Befähigungsnachweis öffentlich mit mehreren Herausforderungen der Branche: Zunahme nicht-professioneller Tätowierender, Schwarzarbeit, Preisdumping und fehlende einheitliche Orientierung für Qualität und Standards. Der Verband stellt den Nachweis als Instrument dar, das Transparenz schaffen und Kund*innen Orientierung bieten soll.

Auf Instagram betont der BVT, dass der Nachweis freiwillig ist, keine staatliche Qualifikation darstellt und den Berufszugang nicht einschränkt. Vorstandsmitglied Urban Slamal kommentiert dazu: „Gatekeeping wäre es dann, wenn das Bestehen dieser Prüfung Voraussetzung dafür wäre, seinen Beruf ausüben zu können. Aber das kann und soll ja nicht der Fall sein. Also, alle Gates bleiben open.“

Doch selbst als freiwilliges Instrument kann der Befähigungsnachweis indirekt Druck erzeugen: Wer nicht teilnimmt, könnte unbewusst als weniger professionell eingeschätzt werden.

Zudem zeigten sich auch Nutzer*innen, laut eigener Angabe BVT-Mitglieder, überrascht von der Einführung des Befähigungsnachweises. Das deutet zumindest darauf hin, dass der interne Abstimmungsprozess nicht für alle transparent verlief.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Diskrepanz in Selbst­darstellung und BVT-Lobbyregister

Ein Blick in die offiziellen Dokumente zeigt nochmal eine andere Perspektive. Im Lobbyregistereintrag des BVT heißt es: „Der Bundesverband hat es sich zum Ziel gesetzt, zusammen mit den zuständigen Stellen die Basis für eine Zugangsregelung für Neutätowierende zu erarbeiten. Ein Befähigungsnachweis ist der wichtigste Baustein, um als seriöser Tätowierer*in wahrgenommen zu werden und Tattoofans vor Hobby- und Wohnzimmertätowierenden zu schützen.“

Das zeigt, dass der Verband langfristig an Grundlagen für Berufszugangsregelungen mitwirken und diese auch erwirken möchte. In der Praxis adressiert der Nachweis unser Ansicht nach jedoch kein echtes Risiko. Wer in einem Wohnzimmer tätowiert wird, weiß bereits, dass er nicht in einem professionellen Tattoo-Studio sitzt.

Die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Darstellung des BVT-Befähigungsnachweises als freiwilliges Orientierungsinstrument und den dokumentierten politischen Zielen des Vereins sorgt für Irritation. Nicht nur bei anderen Tattoo-Vereinen und Tätowierer*innen, sondern auch bei uns.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Was die Branche wirklich braucht

Die Tattoo-Branche hat bereits klare hygienische Standards und es gibt Instanzen, die diese kontrollieren. Fachliche Grundlagen existieren etwa durch landesrechtliche Infektionsschutzvorgaben und die DIN EN 17169. Das Kernproblem liegt weniger im Fehlen von Regeln als in ihrer uneinheitlichen Umsetzung.

Gesundheitsämter kontrollieren Tattoo-Studios regional sehr unterschiedlich. In Hessen müssen Tätowierer*innen beispielsweise einen Hygienesachkundenachweis absolvieren, während andere Bundesländer andere Anforderungen stellen. Das föderale System erschwert eine einheitliche Regelung natürlich enorm, macht sie aber nicht unmöglich.

Unabhängig von der Kritik ist anzuerkennen, dass der BVT versucht, auf reale Probleme innerhalb der Branche zu reagieren. Die Frage bleibt jedoch, ob das gewählte Instrument dafür geeignet ist. Wer Zugangsvoraussetzungen schaffen möchte, sollte sie auf diesen überprüfbaren Bereich begrenzen. Denn während Hygiene klar messbar ist, bleibt alles darüber hinaus eher subjektiv – und damit ungeeignet als formale Zugangshürde für einen kreativen Beruf.


▲ Inhalt

Absatztrenner

Verantwortung beginnt im Studio

Am Ende entscheidet nicht ein Befähigungsnachweis oder Zertifikat über Qualität. Entscheidend sind saubere Arbeitsplätze, ehrliche Beratung, verantwortungsvoller Umgang mit Haut und Gesundheit und der Wille, sich fachlich weiterzuentwickeln.

Das eigentliche Qualitätssiegel hängt nicht an der Wand. Es existiert nicht als Urkunde, Befähigungsnachweis oder Zertifikat. Es lebt auf der Haut der Menschen. In Tattoos, die auch nach zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren noch weiteraltern und ihre ästhetische Wirkung behalten.

Nicht Vertrauen ist der Maßstab. Nicht Logos oder Stempel. Auch keine Prüfung und Momentaufnahme, sondern das sichtbare Ergebnis auf echter Haut über viele Jahre hinweg.

Und genau dort sollte jede ernsthafte Qualitätsdiskussion beginnen.

Tätowieren braucht keine Zertifikate.
Das Poster zur Initiative „Tätowieren braucht keine Zertifikate.“

Initiative „Tätowieren braucht keine Zertifikate“

Das könnte dir auch gefallen