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Bei Tattoos geht es häufig um die Frage nach ihrer Bedeutung. Während Tätowierungen für manche Menschen vor allem ästhetische Entscheidungen sind, können sie für andere eine tiefere persönliche oder gesellschaftliche Bedeutung tragen. Eine aktuelle Studie im „Journal of Lesbian Studies“ beschäftigt sich mit genau dieser Frage und betrachtet dabei die Rolle von Tätowierungen innerhalb queerer Lebensrealitäten.
Andreassen und Kolleg*innen beschreiben Tattoos in ihrem Beitrag nicht nur als Körperschmuck, sondern als möglichen Ausdruck von Identität, körperlicher Autonomie, Zugehörigkeit und Widerstand gegen gesellschaftliche Normen.

Dabei liegt hier keine klassische medizinische oder psychologische Studie vor. Stattdessen handelt es sich um eine qualitative kultur- und sozialwissenschaftliche Untersuchung. Die Autor*innen kombinieren drei unterschiedliche Quellen: historische medizinische Archive, Oral-History-Interviews mit älteren queeren Menschen und Gespräche mit der queeren Tätowierer*in Sara Swanson.
Dadurch entsteht keine statistische Untersuchung darüber, wie viele queere Menschen Tattoos aus bestimmten Gründen tragen. Stattdessen untersucht die Studie, welche gesellschaftlichen und persönlichen Funktionen Tätowierungen innerhalb queerer Lebensgeschichten übernehmen können.

Ein zentraler Gedanke der Studie ist die Verbindung zwischen Tätowierungen und körperlicher Selbstbestimmung.
Der eigene Körper ist nicht nur etwas Persönliches, sondern immer auch gesellschaftlichen Erwartungen ausgesetzt. Vorstellungen darüber, wie Körper aussehen sollen, welches Geschlecht sie repräsentieren oder welche Identitäten sichtbar sein dürfen, werden durch soziale Normen geprägt.
Für queere Menschen können diese Erwartungen eine besondere Bedeutung bekommen. Erfahrungen mit Ausgrenzung, Diskriminierung, Unsichtbarkeit oder der Bewertung der eigenen Identität können dazu führen, dass die bewusste Gestaltung des eigenen Körpers als besonders selbstbestimmter Akt erlebt wird.
Dabei bedeutet dies ausdrücklich nicht, dass jedes Tattoo politisch ist oder jede queere Person ihre Tätowierungen mit ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität verbindet. Ein Tattoo muss keine eindeutige Botschaft nach außen tragen. Häufig steht vielmehr eine persönliche Entscheidung dahinter: die bewusste Entscheidung darüber, wie der eigene Körper aussieht und welche Geschichte er erzählt.
Das Tattoo wird dadurch weniger zu einer Aussage an andere Menschen, als vielmehr zunächst zu einer Aussage über die eigene Beziehung zum eigenen Körper.

Besonders spannend ist ein weiterer Gedanke der Studie: der tätowierte Körper als lebendiges Archiv.
Tätowierungen können Erinnerungen, Beziehungen, politische Überzeugungen oder persönliche Wendepunkte sichtbar machen. Der Körper wird dadurch zu einem Ort, an dem die individuelle Geschichte gespeichert wird. Diese Funktion ist nicht ausschließlich queer. In der Tattoo-Forschung wird der Körper bereits seit längerem als Träger persönlicher und kultureller Erinnerungen betrachtet. Andreassen und Kolleg*innen übertragen diese Perspektive in ihrer Arbeit jedoch gezielt auf queere Lebensgeschichten.
Gerade Erfahrungen, die gesellschaftlich lange unsichtbar waren oder nicht offen erzählt werden konnten, können durch Tätowierungen eine körperliche Präsenz erhalten. Das Tattoo dokumentiert dann nicht nur eine Erinnerung, sondern auch eine Form von Selbstverständnis.

Anhand eines Interviews mit der queeren Tätowierer*in Sara Swanson zeigen die Autor*innen der Studie, dass das „Queere“ am queeren Tätowieren nicht zwangsläufig in den Motiven auf der Haut liegt. Entscheidend kann auch besonders der Raum sein, in dem Tätowierungen entstehen.
Swanson beschreibt, dass die Tattoo-Szene in den 1990er-Jahren stark männlich geprägt war und queere Menschen sich dort teilweise nicht wiederfanden. Deshalb entstand der Wunsch, eigene Räume zu schaffen, in denen sich Menschen sicher und akzeptiert fühlen können. Swanson selbst führt ein queeres Tattoo-Studio in Stockholm und organisiert queere Tattoo- sowie Kunstveranstaltungen.
Sara fasst ihren Gedanken zusammen: „For me, it is much more about the space and not so much about the images.“ Diese Aussage verdeutlicht einen wichtigen Punkt: Ein Tattoo-Studio ist nicht nur ein Ort handwerklicher und künstlerischer Arbeit. Tätowieren ist eine körperlich und emotional intime Situation. Menschen zeigen dort ihren Körper, sprechen über persönliche Geschichten und treffen Entscheidungen über eine dauerhafte Veränderung.
Gerade deshalb kann die Atmosphäre eines Tattoo-Studios eine wichtige Rolle spielen. Kund*innen sollten sich dort sicher fühlen können. Die Studie beschreibt queere Tattoo-Räume als Orte, an denen nicht nur Tätowierungen entstehen, sondern auch Vertrauen und das Gefühl von Gemeinschaft.
Dabei geht es nicht darum, dass jedes nicht-queere Studio automatisch unsicher ist oder jede queere Person einen speziellen Raum benötigt. Die Studie beschreibt vor allem historische Erfahrungen und konkrete queere Kontexte. Sie liefert keine Bewertung einzelner Tattoo-Studios und untersucht auch nicht, wie häufig solche Erfahrungen heute auftreten. Vielmehr zeigt sie, dass bestimmte Räume aufgrund ihrer Geschichte und sozialen Atmosphäre für manche Menschen eine besondere Bedeutung entwickeln können.

Die Bedeutung queerer Tattoo-Räume ist dabei keine ausschließlich moderne Entwicklung. In der Studie erinnert sich Interviewpartner Jan Kopriwa an seine erste Tätowierung in den 1970er-Jahren. Diese entstand nicht in einem klassischen Tattoo-Studio, sondern im privaten Umfeld einer queeren Gruppe.
Dieser Ort war gleichzeitig Werkstatt, Ausstellungsraum und Zuhause. Dadurch wurde die Tätowierung nicht nur zu einer körperlichen Veränderung, sondern auch zu einem Erlebnis innerhalb eines vertrauten sozialen Umfelds. Dieses Beispiel zeigt, dass queere Gemeinschaften bereits früher eigene Räume geschaffen haben, wenn bestehende Strukturen nicht als zugänglich oder sicher erlebt wurden.
Heute entstehen solche Räume zunehmend auch öffentlich. Sara Swanson beschreibt ihr Tattoo-Studio nicht ausschließlich als Arbeitsplatz, sondern als sozialen Ort innerhalb der queeren Community. Neben Tätowierungen finden dort auch Kunstausstellungen und Veranstaltungen statt. Dadurch wird das Studio zu einem Ort, an dem Menschen nicht nur eine Dienstleistung erhalten, sondern sich austauschen und vernetzen können.
Die Studie zeigt damit, dass queere Tattoo-Räume unterschiedliche Funktionen erfüllen können: Sie sind Orte körperlicher Veränderung, aber gleichzeitig auch kulturelle und soziale Räume, in denen Zugehörigkeit entstehen kann.
In westlichen Gesellschaften werden Tattoos häufig als Ausdruck von Individualität verstanden. Ein Motiv oder ein Stil werden meist als persönliche Entscheidungen betrachtet. Die Studie erweitert diese Perspektive: Tätowierungen entstehen nicht isoliert, sondern innerhalb sozialer Beziehungen. Dabei geht es nicht nur um den Raum, in dem eine Tätowierung entsteht, sondern auch um die Beziehung zwischen den beteiligten Menschen.

Sara Swanson betont, dass queeres Tätowieren nicht ausschließlich über das fertige Motiv definiert werden kann. Entscheidend sei auch, wer beteiligt ist, wie die Tätowierung entstehe und welche Erfahrungen dabei gemacht würden. Eine Tätowierung ist somit nicht nur ein Ergebnis auf der Haut, sondern auch ein sozialer Prozess. Die Verbindung zwischen Tätowierer*in und Kundschaft, das gegenseitige Vertrauen und die Möglichkeit, persönliche Geschichten zu teilen, können Teil ihrer Bedeutung werden.
Gerade dadurch unterscheidet sich diese Perspektive von einem rein individualistischen Verständnis von Tattoos. Die Tätowierung bleibt zwar eine persönliche Entscheidung, entsteht aber gleichzeitig innerhalb eines sozialen und kulturellen Zusammenhangs.
Die Studie zeigt außerdem, dass queeres Tätowieren eng mit Fragen der Sichtbarkeit verbunden sein kann.
Ein Tattoo kann sichtbar getragen werden und dadurch eine bewusste Gestaltung des eigenen Körpers sein. Gleichzeitig bleibt seine vollständige Bedeutung oft persönlich. Nicht jede Person muss die Geschichte hinter einem Motiv kennen, damit es für die tragende Person wichtig ist.
Gerade diese Verbindung aus äußerer Sichtbarkeit und persönlicher Bedeutung macht Tätowierungen zu einer besonderen Form körperlicher Kommunikation. Dabei geht es nicht nur um das Motiv selbst. Wie Sara Swanson beschreibt, kann bereits die Entscheidung, den eigenen Körper zu verändern und sichtbar zu machen, eine Bedeutung haben.
Die Ergebnisse der Studie sollten dennoch richtig eingeordnet werden. Bei Andreassen und Kolleg*innen handelt es sich nicht um eine repräsentative Bevölkerungsstudie, sondern um eine qualitative kulturwissenschaftliche Untersuchung. Die Forschenden verbinden historische Quellen mit persönlichen Erinnerungen und Interviews.
Die Stärke dieses Ansatzes liegt darin, Erfahrungen sichtbar zu machen, die durch reine Statistik schwer erfassbar wären. Gleichzeitig bedeutet diese Methode, dass die Ergebnisse nicht auf alle queeren Menschen übertragen werden können.
Die Studie zeigt nicht, dass queere Menschen grundsätzlich andere Tattoos tragen oder Tätowierungen häufiger aus Gründen der Identität wählen. Sie zeigt vielmehr, welche zusätzlichen Bedeutungen Tattoos innerhalb bestimmter queerer Lebensgeschichten annehmen können.

Die Stärke der Studie liegt deshalb weniger darin, eine völlig neue Funktion von Tätowierungen zu entdecken. Vielmehr erweitert sie den Blick auf Tattoos als kulturelle Praxis.
Während psychologische Studien häufig Aspekte wie Körperbild, Selbstwahrnehmung oder persönliche Motivation untersuchen, betrachten Andreassen und Kolleg*innen Tätowierungen als Teil sozialer Prozesse: als Ausdruck von Zugehörigkeit und körperlicher Autonomie.
Gerade diese Verbindung macht die Arbeit so interessant. Sie zeigt, dass Tattoos nicht nur etwas sind, das Menschen auf ihrem Körper tragen, sondern etwas, durch das Menschen ihren Körper, ihre Geschichte und ihre Beziehung zur Gesellschaft gestalten können.
Tätowierungen können somit für viele Menschen Ausdruck von Identität und Selbstbestimmung sein. Die aktuelle Forschung zeigt, dass diese Funktionen innerhalb queerer Lebensrealitäten aufgrund spezifischer historischer und gesellschaftlicher Erfahrungen besondere Formen annehmen können.

„Queer Tattoo History / Stories“ ist ein Buch von Sara Swanson (StaDemonia Tattoo Stockholm), für das sie Erinnerungen von LGBTQI+-Personen gesammelt hat, die sich in den 1970er- und 80er-Jahren tätowieren ließen – porträtiert vom Fotografen Del LaGrace Volcano, ergänzt um ein Geschichtskapitel von Helena Meyer.
Seit August 2026 liegt es auch auf Englisch vor und ist über StaDemonia Tattoo Stockholm sowie im Online-Buchhandel erhältlich.