Dein Support für Feelfarbig 🖤Hi! Schön, dass dir unsere Arbeit gefällt. Unsere Recherchen und Beiträge sind stets unabhängig und für dich kostenlos. Damit das auch so bleiben kann, freuen wir uns über Vielen Dank! ✌️
Dein Support für Feelfarbig 🖤Hi! Schön, dass dir unsere Arbeit gefällt. Unsere Recherchen und Beiträge sind stets unabhängig und für dich kostenlos. Damit das auch so bleiben kann, freuen wir uns über deine Unterstützung. Vielen Dank! ✌️
Ein Lipödem oder Lymphödem bedeutet grundsätzlich nicht, dass Tätowieren ausgeschlossen ist. Trotzdem gibt es ein paar Besonderheiten, die Betroffene und Tätowierer*innen kennen sollten.
Lipödem und Lymphödem werden aufgrund des ähnlichen Namens häufig miteinander verwechselt. Medizinisch handelt es sich jedoch um unterschiedliche Krankheitsbilder.
Das Lipödem ist eine chronische Erkrankung des Fett- und Bindegewebes. Typisch ist eine meist symmetrische Vermehrung des Unterhautfettgewebes an Beinen oder Armen. Das betroffene Gewebe kann schmerzhaft und druckempfindlich sein und vermehrt zu Blutergüssen neigen.
Das Lymphödem entsteht dagegen durch eine Störung des Lymphsystems. Die Lymphe ist eine Flüssigkeit, die verschiedene Stoffe aus dem Gewebe abtransportiert. Funktioniert dieser Transport nicht ausreichend, kann sich Flüssigkeit im Gewebe ansammeln. Dadurch entsteht eine meist länger anhaltende Schwellung.
Beide Erkrankungen können zudem gleichzeitig auftreten. Entwickelt sich bei einem Lipödem zusätzlich ein Lymphödem, spricht man von einem Lipo-Lymphödem.

Das Lipödem tritt fast ausschließlich bei Frauen auf. Häufig beginnt oder verstärkt sich die Erkrankung während hormoneller Veränderungen. Dazu gehören beispielsweise Pubertät, Schwangerschaft und Menopause.
Wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind, ist nicht eindeutig geklärt. Eine deutsche Untersuchung unter berufstätigen Frauen kam auf eine Häufigkeit von etwa 6 – 8 %. Diese Zahl lässt sich jedoch nicht ohne Weiteres auf die Gesamtbevölkerung übertragen.
Das Lymphödem kann dagegen Menschen jeden Geschlechts betreffen. Es kann bereits bei der Geburt bestehen oder erst später entstehen.

Für das Tätowieren bei Lipödem gibt es derzeit keine direkten wissenschaftlichen Untersuchungen. Die vorhandene Literatur beschreibt das Lipödem selbst, untersucht aber nicht speziell die Verträglichkeit von Tätowierungen. Deshalb lässt sich weder ein Komplikationsrisiko beziffern noch eine besondere Gefährdung durch Tätowierungen belegen.
Eine Tätowierung verletzt die Hautbarriere. Dadurch laufen normale Wundheilungsprozesse ab und grundsätzlich besteht auch ein Infektionsrisiko. Dieses Risiko besteht jedoch unabhängig vom Lipödem bei jeder Tätowierung.

Lipödem-Gewebe kann den Berichten Betroffener nach sehr empfindlich oder schmerzhaft sein. Ob dadurch auch Tattoo-Sitzungen belastender werden, wurde bisher nicht untersucht. Rebecca (@actions_that_echo) hat uns berichtet, dass sie beim Schmerz keinen Unterschied zwischen gesundem und von Lipödem betroffenen Gewebe bemerkt hat.
Sinnvoll für Betroffene ist eine offene Kommunikation vor dem Tattoo-Termin. Betroffene sollten besondere Empfindlichkeit und bestehende Hautveränderungen bereits im Vorfeld ansprechen. Auch die Körperstelle spielt dabei eine Rolle. Eine Tätowierung sollte grundsätzlich nur auf intakter Haut erfolgen. Entzündete, verletzte oder anderweitig auffällige Haut sollte man nicht tätowieren – dies gilt unabhängig von jeglicher Erkrankung.
Aus gestalterischer Sicht kann die Beschaffenheit des Gewebes bei der Motivwahl eine Rolle spielen. Bei unebenem oder knotig verändertem Gewebe können sehr präzise geometrische Linien oder feine Schrift stärker beeinflusst werden. Organische Formen, etwa Pflanzenmotive, lassen sich häufig leichter an jede Körperform anpassen.

Wer bereits tätowiert ist und später eine Lipödem-Behandlung erhält, sollte bestehende Tattoos bei der Therapieplanung ansprechen. Bei einer Liposuktion wird krankhaft verändertes Unterhautfettgewebe entfernt. Die aktuelle Leitlinie empfiehlt dabei eine gewebs- und lymphgefäßschonende Vorgehensweise.
Durch die Volumenreduktion kann sich auch die Form des behandelten Körperbereichs verändern. Dadurch könnte sich auch die Position oder Proportion eines bestehenden Tattoos optisch verändern. Bei stärker ausgeprägtem Lipödem können nach einer Liposuktion außerdem Hautüberschüsse zurückbleiben. In solchen Fällen können anschließend plastisch-chirurgische Eingriffe zur Hautstraffung erfolgen.
Für die konkrete Frage, wie sich ein bestehendes Tattoo durch eine Liposuktion verändert, gibt es aktuell keine Untersuchungen. Eine pauschale Aussage ist hier jedoch ohnehin nicht sinnvoll, da das Tattoo-Motiv selbst und dessen Platzierung großen Einfluss auf das Ergebnis nehmen.

Beim Lymphödem weist das betroffene Körperteil bereits eine gestörte Lymphdrainage auf und ist prinzipiell anfälliger für Hautinfektionen.
Die Cleveland Clinic empfiehlt, Tätowierungen und andere unnötige Verletzungen am betroffenen Körperteil möglichst zu vermeiden. Als Begründung nennt sie das Ziel, zusätzliche Schäden und Infektionen zu verhindern. Die Empfehlung ist jedoch als medizinische Vorsichtsmaßnahme zu verstehen. Sie beruht nicht auf einer Studie, die nachgewiesen hätte, dass Tätowierungen ein bestehendes Lymphödem verschlechtern. Die Cleveland Clinic selbst betont, dass es sich bei ihrer Empfehlung nicht um eine absolute Regel handelt.
Auch das europäische Referenznetzwerk für seltene, multisystemische Gefäßerkrankungen VASCERN gibt Empfehlungen zum Tätowieren bei Lymphödem. Der 2026 veröffentlichte Leitfaden empfiehlt, die von Lymphödem direkt betroffene Körperstelle eher nicht zu tätowieren – auch hier als reine medizinische Vorsichtsmaßnahme. Von Selbsttätowierungen sowie nicht medizinisch notwendigen Tattooentfernungen an einer betroffenen Stelle wird dagegen ausdrücklich abgeraten. Bei der Tattoo-Entfernung mittels Laser spielt das Lymphsystem beispielsweise eine entscheidende Rolle.

Ein Lymphödem betrifft häufig nur einen bestimmten Körperbereich. Deshalb sollte zwischen betroffenem und nicht-betroffenem Gewebe unterschieden werden. Ein Tattoo auf einem lymphödematösen Arm ist beispielsweise anders zu bewerten als ein Tattoo am nicht betroffenen Rücken. Auch die medizinische Empfehlung, unnötige Verletzungen zu vermeiden, bezieht sich insbesondere auf die betroffene Region.
Besonders bei einem bestehenden Lymphödem sollte die Entscheidung für eine Tätowierung auf dem betroffenen Körperteil individuell medizinisch besprochen werden. Das gilt insbesondere bei stark ausgeprägten oder wiederkehrenden Schwellungen. Auch ein bestehendes Erysipel (Wundrose) oder eine andere akute Hautinfektion spricht gegen eine Tätowierung. Eine individuelle ärztliche Einschätzung kann dabei helfen, das persönliche Risiko besser einzuordnen.

Menschen mit Lymphödem haben ein erhöhtes Risiko für Hautinfektionen. Eine Verletzung der Haut kann Bakterien den Eintritt erleichtern. Deshalb ist es besonders wichtig, zusätzliche Hautverletzungen und Infektionen möglichst zu vermeiden.
Eine bakterielle Infektion kann ein bestehendes Lymphödem deutlich verschlechtern. Umgekehrt kann ein Lymphödem die Situation nach einer Infektion zusätzlich erschweren. Deshalb sind hygienisches Arbeiten und eine konsequent behutsame Nachsorge besonders wichtig.
Das betrifft allerdings nicht nur Menschen mit Lymphödem. Auch gesunde Menschen können nach einer Tätowierung Infektionen entwickeln. Die wissenschaftliche Literatur beschreibt neben Infektionen auch allergische und andere entzündliche Reaktionen als mögliche Komplikationen.

Eine Studie aus dem Jahr 2023 untersuchte die Lymphgefäße, welche unter bestehenden Tattoos lagen. Dafür wurden 19 gesunde tätowierte Personen untersucht.
Bei acht der untersuchten Personen wurden Veränderungen der Lymphgefäße in der Haut festgestellt. Sieben von ihnen hatten Tattoos an den Beinen. Die Autor*innen sahen hier mögliche Zusammenhänge mit der Größe und Farbe der Tätowierungen.
Diese Ergebnisse sind interessant, müssen aber richtig eingeordnet werden. Die Studie hatte nur 19 Teilnehmer*innen, von denen alle gesund waren und keine Schwellung an der tätowierten Extremität vorlag. Sie beweist deshalb nicht, dass Tattoos Lymphödeme verursachen. Sie beweist ebenso wenig, dass Tätowierungen bei einem bestehenden Lymphödem grundsätzlich gefährlich sind.
Die Autor*innen selbst betonen, dass die Ursachen dieser Veränderungen noch genauer untersucht werden müssen.

Dass Tattoo-Pigmente mit dem Lymphsystem in Kontakt kommen, ist dagegen gut dokumentiert. Die Pigmente können aus der Haut über Lymphgefäße abtransportiert werden. Dadurch lassen sich Tattoo-Pigmente auch in den zugehörigen Lymphknoten nachweisen.
Das allein bedeutet jedoch nicht, dass Tattoos das Lymphsystem schädigen oder in seiner Funktion behindern.
Bei Menschen mit einem bereits bestehenden Lymphödem ist die Situation wissenschaftlich bisher nicht ausreichend untersucht. Es fehlen insbesondere Studien, die gezielt die Auswirkungen einer Tätowierung auf ein lymphödematöses Körperteil untersuchen.
Daher wäre es wissenschaftlich nicht korrekt, allein aufgrund des bekannten Pigmenttransports auf ein zusätzliches Risiko für diese Personengruppe zu schließen.

Auch beim Lipödem gibt es vorsichtige Hinweise auf Veränderungen des Lymphsystems.
Eine Studie untersuchte beispielsweise 51 Frauen mit Lipödem und 31 Frauen mit Übergewicht oder Adipositas. Beide Gruppen zeigten zwar Veränderungen des Lymphsystems, jedoch hatte keine der Teilnehmer*innen klinische Anzeichen eines Lymphödems.
Die Forschenden interpretierten die überwiegend geringgradigen Veränderungen eher als Hinweis auf eine Belastung des Lymphsystems als auf eine ausgeprägte lymphatische Insuffizienz. Schwere lymphatische Veränderungen waren in den untersuchten Gruppen nicht vorhanden.
Die Studie zeigt damit nicht, dass ein Lipödem automatisch ein Lymphödem bedeutet. Noch weniger lässt sich daraus ableiten, dass Tätowierungen bei Lipödem problematischer wären.
Unabhängig von der Diagnose sollte nicht auf akut entzündeter oder verletzter Haut tätowiert werden. Auch eine bestehende Infektion spricht eindeutig gegen eine Tätowierung. Ebenso sollte nach einer Operation die individuelle Heilungsphase berücksichtigt werden.
Außerdem ist bei einem Lymphödem Vorsicht bei aktuell stark geschwollenem Gewebe angebracht. Bei neu aufgetretenen oder ungewöhnlich starken Schwellungen sollte zunächst die Ursache ärztlich abgeklärt werden.

Tätowierer*innen müssen zunächst wissen, dass ein Lipödem oder Lymphödem besteht. Die Erkrankung sollte daher bereits bei der Terminplanung angesprochen werden.
Beim Lipödem können insbesondere Schmerzen und Berührungsempfindlichkeit relevant sein. Auch kann das Gewebe stärker anschwellen. Eine längere Sitzung sollte entsprechend individuell geplant werden.
Beim Lymphödem ist zusätzlich entscheidend, ob die geplante Körperstelle betroffen ist. Bei Unsicherheit sollten Kund*innen im Vorfeld medizinischen Rat einholen. Ein*e Tätowierer*in kann ohne entsprechende Ausbildung keine medizinische Freigabe erteilen. Die Beurteilung eines bestehenden Lymphödems gehört in medizinische Hände.
Besonders wichtig bleibt die übliche professionelle Hygiene. Dazu gehören sterile beziehungsweise korrekt aufbereitete Materialien und ein hygienischer Arbeitsplatz. Auch die Nachsorge sollte verständlich erklärt werden, wobei besonderer Fokus darauf gelegt werden sollte, welche Symptome nicht zum „normalen“ Heilungsverlauf gehören. Auffällige zunehmende Rötungen, Überwärmung, starke Schmerzen oder Fieber sollten abgeklärt werden.

Betroffene sollten ihre Diagnose vor dem Tattoo-Termin offen kommunizieren. Auch eine bestehende Kompressionsversorgung kann für die individuelle Aufklärung relevant sein.
Bei einem frischen Tattoo wird generell dazu geraten, eher lockere Kleidung zu tragen, die nicht scheuert oder drückt. Ob und wie eine medizinisch notwendige Kompression während der Heilungsphase angepasst werden kann, sollte individuell mit dem behandelnden Team besprochen werden. Calina (@calinahain), die selbst seit vielen Jahren mit Lipo-Lymphödem lebt und als Tätowiererin arbeitet, berichtet, dass das Tragen von Kompression über einem frischen Tattoo für sie grundsätzlich möglich ist, aber besondere Aufmerksamkeit erfordert.
Wie unterschiedlich die persönliche Bedeutung von Tattoos für Betroffene sein kann, zeigen besonders Erfahrungsberichte: Für Maja (@mjj.tattoo), selbst Tätowiererin und von Lipödem betroffen, haben ihre Tattoos zum Beispiel dazu beigetragen, wieder einen positiveren Zugang zu ihrem Körper und insbesondere zu ihren Beinen zu finden.
Auch Betroffene anderer sichtbarer Erkrankungen berichten davon, dass Tätowierungen einen positiven Effekt auf ihre Selbstwahrnehmung hatten.


Ein Tattoo bei Lipödem oder Lymphödem ist wissenschaftlich bisher nur unzureichend untersucht. Deshalb sollten weder unnötige Ängste geschürt noch medizinische Risiken ausgeschlossen werden.
Beim Lipödem gibt es bislang keine belastbare Evidenz dafür, dass Tätowierungen grundsätzlich mit einem erhöhten Risiko verbunden sind. Beim Lymphödem sind vor allem Tätowierungen auf dem betroffenen Körperteil vorsichtiger zu bewerten und sollten medizinisch abgeklärt werden. Medizinische Empfehlungen raten hier zur Vermeidung unnötiger Hautverletzungen. Gleichzeitig gibt es keine direkten Studien, die ein konkretes Komplikationsrisiko durch Tattoos bei Lymphödem beziffern.
Die Erfahrungen von Betroffenen in diesem Artikel zeigen, dass die Realität sehr unterschiedlich sein kann. Solche Erfahrungen können die wissenschaftliche Datenlage nicht ersetzen, machen aber sichtbar, welche Fragen und Gedanken für Betroffene und Tätowierer*innen relevant sind.