Kunstsammlerin: Laura Mathar

Für die heutige Ausgabe unserer Reihe “Kunstsammler” stand uns die 1993 geborene Laura Mathar Rede und Antwort. Sie kommt aus Köln und studiert Linguistik/Phonetik und im zweiten Fach Englisch. Um sich das Studium zu finanzieren, jobbt Laura als Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft.

Laura Mathar

Hallo Laura, toll dass du Zeit für uns hast. Fangen wir ganz vorne an: Wie begann deine Tattoo-Karriere?

Ich habe irgendwann mit ca. 13 Jahren angefangen mich ein wenig „alternativer“ zu kleiden, mit viel dunkler Schminke um die Augen, gezwungenem Seitenscheitel und einem Mix aus sehr düsterer aber auch schriller Kleidung. Ich schätze mal, dass das aus dem Impuls heraus entstand herauszustechen und anders zu sein. Mittlerweile würde ich mich so aber absolut nicht mehr kleiden. Der Grund für mein erstes Tattoo wurde davon auch definitiv noch ein wenig beeinflusst. Aber das Gefühl verflog sehr schnell, weil ich bald gemerkt habe, dass Tattoos nun wirklich nichts Alternatives mehr sind und der beste Grund immer die Leidenschaft für Körperkunst und schöne Motive sein sollte.

Mein erstes Tattoo habe ich mir dann mit 18 stechen lassen, weil das Studio nur Volljährige tätowiert hat. Die Unterschrift der Eltern hatte keinen Wert, was ich im Nachhinein aber auch ganz gut finde. Die Verantwortung sollte man immer selbst übernehmen.

Noch einmal stechen lassen würde ich mir das Tattoo aber definitiv nicht. Das Motiv ist ein einfacher Tintenklecks und damals fand ich es super kreativ und ein bisschen witzig. Der Klecks sollte eine Art Metapher für das Prinzip des Tätowierens darstellen. Es ist mir aber auch nicht peinlich. Jedes Motiv gehört zu mir dazu. Covern lassen kann man es immer noch.



Lauras erstes Tattoo: Der Tintenklecks
Lauras erstes Tattoo: Der Tintenklecks

Und wie lief dein erster Termin für den Tintenklecks?

Beim ersten Termin war ich unglaublich nervös, weil ich ein ziemlicher Angsthase bin. Ich habe wohl auch ziemlich stark an der Stelle geblutet, was ich aber nicht mitbekommen habe. Ich kann mich noch erinnern, dass die Tätowiererin mich immer wieder daran erinnern musste regelmäßig zu atmen, weil ich das vor lauter Aufregung ständig vergessen habe.

Das klingt für das erste Mal ja recht gut. Hast du denn auch mal schlechte Erfahrungen in einem Tattostudio gemacht?

Ich habe einmal die unangenehme Erfahrung gemacht, dass mir eine Tätowiererin etwas unsympatisch war. Ihre Haltung schien mir sehr von oben herab zu kommen. Sie war kaum vorbereitet und ziemlich kalt. Meiner Meinung nach war das Ganze auch etwas überteuert, aber das kann ich selbst als Kundin vielleicht nicht so gut beurteilen. Das Motiv ist trotzdem wunderschön geworden und ich bin sehr zufrieden – aber irgendwie waren wir beide nicht auf einer Wellenlänge. Durchziehen wollte ich es wegen der Anzahlung, ihren tollen Arbeiten und der langen Anfahrt aber trotzdem.

Ohje, so etwas ist immer traurig, aber es passiert leider manchmal. Wie stets mit dem Gegenteil? Erzähl uns von deinen positiven Erfahrungen! :)

Nicht, dass schon enge Freundschaften entstanden wären, aber mit Kristin Schubert, die einen großen Teil meiner Tattoos gestochen hat, verstehe ich mich sehr gut. Und ich fühle mich nach so vielen Terminen bei ihr mittlerweile auch sehr wohl. Außerdem nimmt sie mir mit ihren Gesprächen oft die Nervosität, die aber natürlich auch nicht mehr so präsent ist, wie bei den ersten Malen.

Laura Mathar

Und außerhalb des Studios?

Das schönste Erlebnis, an das ich mich erinnern kann, hatte ich mit meiner kleinen Schwester, die zu dem Zeitpunkt vielleicht acht Jahre alt war. Sie hat mir nur gesagt, dass Tattoos überhaupt nicht ihr Ding sind, sie sich selbst auch niemals welche stechen lassen würde, dass sie sie an mir aber total schön fände. Anschließend hat sie mir sogar mit Namen für all meine Tiermotive geholfen.

Und obwohl mein privates Umfeld eher untätowiert ist, reagieren meine Freunde immer absolut positiv oder wenigstens neutral. Meine Mutter macht sich bei jedem neuen Motiv immer mal wieder ein wenig mütterliche Sorgen, so wie das eben ihr Job ist. Meinem Vater fallen Neuheiten kaum noch auf.

Laura Mathar

Zurück zu dir! Welches Tattoo gefällt dir an dir am liebsten und hast du eigentlich Lieblingsstile?

Mein Lieblingstattoo ist die rote Rose mit grünen Blättchen an meinem inneren, linken Unterarm. Sie war mein erstes farbiges Motiv, mit dem dann eigentlich alles erst so richtig angefangen hat. Sie hat mir die Liebe zu farbigen Tattoos beigebracht, die ich davor so ganz pauschal immer blöd fand.

Mein liebster und auf meinem Körper am weitesten verbreiteter Stil ist „neotraditional“. Er beinhaltet Elemente des „traditional“ Stils, der mir so pur aber immer etwas zu heftig und markant war, und meiner Meinung nach auch nicht so gut zu mir passen würde. Der „neotradionelle“ Stil ist etwas weicher und verspielter.

Ja, Neotraditional steht dir wirklich sehr gut! Hast du denn auch No-Gos beim Thema Tattoo?

Ja, würde mir niemals den Namen eines Partners oder einer Band stechen lassen. Man könnte zwar argumentieren, dass ein Mensch natürlich trotz einer Trennung oder eine Band auch bei veränderter Musik oder wechselndem Geschmack immer Teil der eigenen Vergangenheit bleibt, aber ich bin generell kein großer Fan von zu tiefgründigen Dingen – außer wenn sie optisch so toll umgesetzt sind, dass sie auch ohne tiefere Bedeutung allein dastehen und begeistern können.

So pauschal ist es natürlich schwierig Partnertattoos zu verurteilen oder anzupreisen. Aber ich bin kein Fan vom generellen Prinzip und die meisten, die mir bis jetzt über den Weg gelaufen sind, fand ich schrecklich. Meine Bedingung für ein Partnertattoo wäre einfach nur, dass die Motive auch für sich allein stehen können.



Bei verschiedenen Körperstellen gab es auch mal No-Gos. Aber da ich bei mir selbst schon oft genug Meinungsänderungen in dieser Hinsicht beobachtet habe, gibt es die meisten für mich nicht mehr. Früher habe ich mir zum Beispiel geschworen, mir niemals die Hände zu tätowieren. Dann kam aber eine Frau mit so wunderschön tätowierten Händen in ein Restaurant, in dem ich mal gearbeitet habe, dass sich meine Auffassung davon komplett geändert hat. Momentan würde ich sagen, Pobacken und Gesicht sind tabu. Aber wer weiß, was ich in ein paar Jahren dazu denke. Mein Rücken ist auch bald dran, und den wollte ich eigentlich immer frei lassen.

Und wer fehlt dir noch auf deiner Haut?

Eigentlich träume ich schon seit Jahren von einem ganz bestimmten Motiv von Magda Hanke aus Hamburg. Ich war auch schon über ein Jahr mit ihr in Kontakt. Sie war angetan von meiner Idee, aber leider passte ich nie in ihren Kalender, weil sie einfach zu viele Anfragen bekam. Vielleicht passiert das ja irgendwann noch.

Ach, das klappt sicherlich mal mit der Madga! :) Ist dir die Entfernung eigentlich egal?

Auf jeden Fall. Ich würde sehr weit für einen bestimmten Künstler und ihre oder seine Kunst fahren. Die längste Strecke, die ich zurückgelegt habe, hat mich 12 Stunden Fahrt an einem Tag gekostet. Aber es war jeden Kilometer wert.

Gutes Thema. Also sind Tattoos für dich Kunst?

Natürlich, ich halte Tattoos absolut für Kunst! Und ich finde auch, dass diese Ansicht mehr Vertreter/innen braucht. Der/die Tätowierer/in zeichnet etwas Individuelles und bringt es den Menschen mit einer Technik unter die Haut, die man erstmal beherrschen muss und bei der man so viel falsch machen kann. Jede/r Tätowierer/in bringt seinen/ihren eigenen Stil, seine/ihre eigene Technik mit. Tattoos sind immer etwas persönliches, das zwischen Künstler und Käufer entsteht. Die Tatsache, dass es immer wieder Menschen gibt, die Motive eins zu eins klauen und kopieren, zeigt schon, dass die ganze Tattoogeschichte nicht als Kunst angesehen und respektiert wird. Natürlich gibt es unterschiedliche Geschmäcker, aber Tattoos sind Kunst und ich fühle mich jedes mal aufs Neue geehrt, ebendiese unter meiner Haut tragen zu dürfen.

Laura Mathar

Ja, die Anerkennung von Tätowierungen als Kunst ist ein sehr schwieriges Thema. Vor allem in den alten Medien, oder?

Definitiv. Mein Problem ist die einseitige Behandlung des Themas zum Beispiel im Fernsehen. In den meisten Sendungen werden Studios gezeigt, deren Mitarbeiter/innen entweder keinen eigenen Stil oder keine in den Motiven ersichtliche Persönlichkeit mitbringen. Das Cliché des tätowierten Weirdos oder Asis mit Arschgeweih und Unendlichkeitszeichen ist immer noch etwas zu sehr verbreitet. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass Fernsehen irgendwo in eine andere Generation gehört. Wir sind die Instagram- und Youtubekinder. In vielen Filmen und Serien werden die Studios auch meistens nicht besonders seriös dargestellt. Meist kommt man einfach nach Belieben, manchmal auch sturzbetrunken rein, klappt eine Mappe auf, sucht sich ein 0815 Motiv aus, bezahlt 50 Euro und geht wieder. So läuft das im echten Leben selten ab. Da wartet man schonmal ein halbes Jahr auf einen Termin und hat vorher mehrere Besprechungstermine.

Auch Tattoo Magazine haben mich ehrlich gesagt noch nie interessiert. Ähnlich sieht es bei Conventions aus. Auf denen, die ich bis jetzt besucht habe, werden zu 90% Prozent Stilrichtungen vertreten, die absolut nicht mein Ding sind – wie zum Beispiel “Realistic” oder “Black and Grey”. In Magazinen sieht man viel zu oft nur motorradfahrende oder quietschbunt angemalte Frauen in Bikiniposen, was natürlich auch absolut okay ist, nur einfach nicht mein Fall. Als sexistisch würde ich es nicht unbedingt bezeichnen, aber sexualisiert wird das Thema und der abgebildete Mensch oft. Die ganz normalen Menschen des Alltags fehlen mir da persönlich. Aber vielleicht sind die einfach schwerer aufzufinden.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass wirklich begabte und leidenschaftliche Künstler gezeigt werden und das Thema mal von einer anderen Seite beleuchtet wird. Vielseitigkeit wäre da das Stichwort.

Laura Mathar

Spielt du etwa auf Feelfarbig an? ;) Aber du hast ein weiteres interessantes Thema angesprochen: Vorurteile. Wie kriminell und leicht zu haben bist du denn, Laura?

Als kriminell wurde ich zum Glück noch nie bezeichnet! Und des Klauens wurde ich auch noch nie wegen meiner äußeren Erscheinung bezichtigt. Dazu sehe ich wohl zu „lieb“ aus. Vielleicht muss ich mal nackt etwas klauen gehen.

Auch kann ich mich nicht erinnern, aufgrund meiner Tattoos schonmal richtig belästigt worden zu sein und kann dieses Vorurteil persönlich also auch nicht bestätigen. Ich weiß aber, dass es existiert und habe von Bekannten schon Stories dazu gehört. Eine Sache, die manchmal etwas nervt, ist das ungefragte angefasst werden. Ich weiß zwar, dass die Menschen das nicht böse meinen und ich bin mir meiner Wirkung auch bewusst, aber ich bin darauf trotzdem sehr allergisch. Ich ziehe ja auch niemandem an den gefärbten Haaren.

Das unangenehmste Erlebnis, dass ich in der Hinsicht einmal hatte, war mit dem Vermieter des Restaurants, in dem ich früher gekellnert habe. Ich war allein im Laden, er kam rein, stellte sich nicht vor und fragte, wo denn der Chef sei, woraufhin ich erwiderte, dass der gerade außer Haus sei. Irgendwann stellte er sich neben mich, griff mit einer Hand sehr fest mein Handgelenk und fing an mit der anderen ziemlich fest über meinen Unterarm zu rubbeln, wobei er mich fragte, ob das denn wieder abginge. Er fand das wohl lustig. Ich war in der Situation so perplex, dass ich gar nichts gesagt habe.

Zum Glück bin ich aber auf jeden Fall in eine Generation reingewachsen, die sich nach und nach von diesen Vorurteilen befreit. Mir persönlich sind wenige direkt begegnet. Die Standard-Sorgen meiner Großeltern wegen Drogenabhängigkeit und Arbeitslosigkeit sind kein Problem mehr. Die einzige Situation, an die ich mich erinnern kann, ist ein Museumsbesuch vor ungefähr zwei Jahren. Es war Winter und ich war bis oben hin eingepackt. Als ich Mantel und Schal an der Garderobe abgeben wollte, schaute mich die Dame kurz verwirrt an und meinte so etwas wie „Ach, von Ihnen hätte ich jetzt aber nicht erwartet, dass Sie tätowiert sind. Sie sehen ja so lieb aus.“ Dann erzählte sie noch von einer Freundin, die auch tätowiert sei. Diese hätte aber auch einen gefährlich aussehenden Hund und würde Motorrad fahren. In meiner Generation und meinem Umfeld sind Tattoos allerdings schon sowas von in allen Schubladen angekommen, dass das absolut nichts Außergewöhnliches mehr ist.



Laura Mathar

Ja, so langsam werden die Vorurteile wirklich weniger! Hast du zum Schluss vielleicht noch ein paar Tipps für Anfänger?

Na klar! Es gibt meiner Meinung nach ein paar Körperstellen, die nicht fürs erste Tattoo hinhalten sollten, wie zum Beispiel Hals oder Finger. Aber es gibt natürlich immer Ausnahmen, bei denen es wunderbar aussieht und absolut zu dem Menschen passt. Sucht euch fürs erste Tattoo etwas Besseres als einen kleinen „Gag“ aus, so wie ich das mit meinem Tintenklecks gemacht habe. Es muss aber ebenso keine tiefgründige Bedeutung haben.

Und pflegt das Tattoo gut! Egal, wie lästig der Prozess ist. Ein nicht ordentlich verheiltes Tattoo ist um einiges ärgerlicher als das nervige Eincremen und in Folie Packen. Ich habe einmal bei einem winzigen Motiv im Sommer den Fehler gemacht, die Schutzfolie zu früh zu entfernen, woraufhin das Tattoo anfing zu krusten, das Meiste der Farbe und Form verlor und einfach nur noch total verzerrt und schlimm aussah. Mittlerweile habe ich es covern lassen.

Darüber hinaus finde ich die Optik immer wichtiger als eine Bedeutung. Lasst euch von niemandem einreden, dass ein Tattoo nichts wert ist, weil keine besondere Bedeutung dahinter steckt. Körperkunst ist Dekoration, Gestaltungsfreiheit und Liebe zum eigenen Äußeren und Inneren. Grüne Haare finden ihre Bedeutung auch nicht beim verstorbenen Opa. Wenn ein Motiv aber eine für euch persönliche Bedeutung hat, ist das natürlich genau so gut!

Tolles Schlusswort! Vielen vielen Dank für das ausgiebige Interview, Laura. Wie sieht’s aus? Gehen wir jetzt zusammen nackt etwas klauen?

Haha, los gehts!

Laura Mathar trägt Kunstwerke von folgenden Tätowierinnern und Tätowierern auf der Haut:
Kristin Schubert (Holy Diver), Benny Santos (Seemann Tätowierungen), Freulein Fux (Wald und Wiese), Maria Fernandez (Vader’s Dye)

Laura Mathar bei Instragram: