Apprentice: Juliane Scheuß

Juliane Katharina Victoria Scheuß, geboren 1991, liebt und lebt Kunst. Seit September 2017 arbeitet sie nun als Tattoo Apprentice im Düsseldorfer Studio „Dark Art Tattoo“. Da uns ihre Arbeiten jetzt schon sehr gut gefallen, möchten wir sie auf ihrem Weg zur Profi-Tätowiererin begleiten. Damit ihr und wir sie zunächst einmal kennenlernen, haben wir ihr einige Fragen gestellt. Schon bald werden wir sie auch im Studio besuchen und ihr direkt bei der Arbeit über die Schulter schauen!

Hey, Juliane! Fangen wir doch direkt mit dem Wichtigsten an: Wie bist du zu deinem Ausbildungsplatz im Tattoostudio gekommen?

Juliane bei der Arbeit. Foto: Celina Dolgner, instagram.com/celinadolgner

Mein Weg zum Tätowieren ist etwas länger: Mein Ziel war es schon immer gewesen, den Menschen meine Kunst tragen zu lassen. Seit ich klein war, habe ich mich und andere bemalt. Dass dies ein Beruf sein kann, war mir damals noch nicht klar. Ich entschloss mich also in jungen Jahren dafür, Modedesignerin zu werden, da das für mich der scheinbar einfachste Weg war, mein Ziel umzusetzen. Mit 15/16 kam ich das erste Mal mit Tattoos in Berührung und war von der Möglichkeit, die eigene Kunst für immer auf einem Menschen zu verewigen, fasziniert. Von da an war es immer mein Traum Tätowiererin zu werden. Allerdings wurde auch mir beigebracht, erst mal etwas „Vernünftiges“ zu lernen.

In meiner Ausbildungszeit merkte ich relativ früh, dass die Modebranche nicht das richtige für mich war. Ich wollte meine Ausbildung an den Nagel hängen und Tätowiererin werden. Als ich mich in Studios vorstellte, wurde mir allerdings klar, dass ich mir das nicht leisten konnte, da ich bereits mit 16/17 alleine wohnte. Ich habe nach der Ausbildung zur bekleidungstechnischen Assistentin ein Studium zur Design-Ingenieurin für Mode begonnen und mich nebenher als Make up Artist selbstständig gemacht. Nach wie vor habe ich mich in der Modebranche nicht wohlgefühlt und wusste nicht wohin mit mir. Anfang des Jahres ist es mir dann, nachts, alleine und betrunken in der S-Bahn, wie Schuppen von den Augen gefallen: Durch meine Selbstständigkeit als Make up Artist könnte ich die Ausbildung zum Tätowierer finanzieren. Ich habe direkt am nächsten Tag damit angefangen an meiner Mappe zu arbeiten. Als ich der Meinung war, dass ich genug Zeichnungen zusammen hatte, habe ich mich beworben. Direkt am nächsten Tag habe ich einen Termin bei Dark Art Tattoo gehabt und wurde eingestellt.



Super, dass du dir deinen Traum erarbeitet hast! Dann spulen wir doch mal ein paar Jahre zurück, wo alles anfing: Wann hast du dein erstes Tattoo bekommen und wie kam es dazu?

Ich habe mich schon seit meiner frühsten Kindheit bemalt und es war gar keine Frage, OB ich mich tätowieren lasse, sondern nur wann endlich. Das erste Tattoo habe ich dann eine Woche nach meinem 18. Geburtstag bekommen.

Julianes erstes Tattoo: Eine Schleife unter der Brust.

Und wie stehst du heute zu deinem ersten Tattoo? Wie verlief das erstes Mal?

Ich würde es mir heute auf gar keinen Fall wieder so stechen lassen! Bei dem Termin war ich super aufgeregt. Ich bin dreimal umgekippt, da ein richtiger Metzger (was man heute auch an der Qualität des Tattoos sieht) auf meinem Solarplexus rumgewerkelt hat. Mir wurde es übrigens als „normal“ verkauft, dass man ohnmächtig wird.

Ohje, das klingt aber alles andere als schön. Ein Glück, dass du dich nach diesem unangenehmen Einstieg in die Szene nicht hast abschrecken lassen! Hast du denn vielleicht Tipps, die du Anfängern für ihr erstes Tattoo geben würdest?

Das Übliche: Nach einem qualitativ hochwertigen Studio suchen. Als ich 18 war, war ich noch nicht in der Tattooszene. Es gab Social Media noch nicht so, wie es das heute gibt und ich konnte mich also leider nicht so gut informieren, wie es heute möglich ist.

Und wie sieht es mit der Pflege aus? Hast du da besondere Erfahrungen sammeln können?

Oh ja, ich habe bei meiner ersten Suprasorb Abheilung die Folie falsch abgezogen und das Tattoo auch scheinbar nicht gut genug von Farbresten etc. gereinigt. Daher hat das Tattoo dann fast ein Jahr gebraucht, bis es vernünftig abgeheilt war und die Linien sauber aussahen. Ich hätte nicht gedacht, dass es überhaupt nochmal was wird.

Foto: Alina Ebersberger, instagram.com/alinaebersbergerfotografie

Na, zum Glück hat das Tattoo nochmal die Kurve gekriegt. :) Gab es generell mal bei einem Termin etwas Besonderes? Hast du dich zum Beispiel mal nicht wohl gefühlt, aber wolltest es doch durchziehen?

Ich wurde bereits krank, betrunken, auf einer Convention und bei 40 Grad in einem 2 m² Raum tätowiert, habe aber bisher jede Session durchgezogen. Unwohl gefühlt habe ich mich nie, außer bei meinem ersten Tattoo vielleicht. Da mir das aber ja alles als normal verkauft wurde, habe ich mir darüber nicht viele Gedanken gemacht… :D

Haha, du bist ja ganz schön schmerzfrei! Da stellt sich einem die Frage… Hast du mal ein Tattoo bereut?

Ja, mein krummes und schiefes Mandala, welches betrunken auf meinem Küchentisch entstanden ist. Das wurde aber so gut es ging im Nachhinein gerettet. Außerdem stört mich die Qualität und die Positionierung meiner Knöcheltattoos (jeweils ein Wort). Die hätten besser gestochen und niedriger gesetzt werden können.

Hast du denn ein Lieblingstattoo?

Nein, da kann ich mich nicht entscheiden!

Dann vielleicht einen favorisierten Tattoostil? Wenn ja, warum gerade diesen?

Ich finde jeden Stil für sich interessant. Jeder Stil hat auf seine Art und Weise etwas Faszinierendes. Für meine Haut und als Artist sprechen mich aber am meisten Neotraditional, Traditional, Blackwork und Dotwork an. Das Warum kann ich nicht genau beantworten, es spricht mich einfach intuitiv am meisten an, wenn ich es sehe.

Wie sieht es eigentlich in deinem Umfeld aus? Sind da viele tätowiert oder gehörst du zur Ausnahme?

In meinem Umfeld ist, mit wenigen Ausnahmen, jeder tätowiert. In meinem Freundeskreis hat mittlerweile auch fast jeder ein Tattoo von mir oder bekommt noch eins.

Und wie reagieren andere auf dich? Musst du dich oft mit Vorurteilen rumschlagen, weil du tätowiert bist?

Aus eigener Erfahrung nervt es mich am meisten, dass Menschen denken, Leute mit Tattoos wären leicht zu haben bzw. für nichts Längerfristiges zu haben. Das erlebe ich fast täglich über Social Media und jedes Mal, wenn ich ausgehe. Außerdem werde ich grundsätzlich von den Angestellten einer bekannten Parfümeriekette ignoriert, wenn ich den Laden betrete. Wenn ich beraten werden möchte, muss ich leider mit Nachdruck darum bitten und auch dann werde ich leider nur halbherzig bedient.

Mich stört es aber auch, dass tätowierte Menschen oft glauben, dass sie durch ihre Tattoos etwas Besseres sind. Wie man das ändern kann, weiß ich nicht. Ich selber teile den Leuten einfach immer mit, dass sämtliche Vorurteile absoluter Quatsch sind. Mensch bleibt Mensch.

Da hast du Recht, Vorurteile sind generell ärgerlich. Anderes Thema: Was war denn das schönste Erlebnis im Bezug auf deine Tattoos?

Meine Mama, die es grundsätzlich nicht gut findet, dass ich tätowiert bin, hat geweint, als ich gezeigt habe, dass ich mir ein Tattoo für sie habe stechen lassen. Aus Rührung versteht sich.

Gibt es einen Künstler, von dem du dich auf jeden Fall noch tätowieren lassen möchtest?

Ich werde mich auf jeden Fall noch weiter von Ina Adams tätowieren lassen, von Tatiana Sandberg und meinem Lehrmeister Felix Graph. Momentan hab ich ziemlich Bock auf ein Tattoo von Mr. Heggie. Da ich gerne Reise, ist mir generell auch kein Weg zu weit.

Gute Einstellung! Apropos Künstler, denn das bist du ja auch selbst, wo findest du Inspiration für deine Motive?

Überall, ob im Alltag, auf Reisen, Gedanken, Erlebnisse die ich bildlich verarbeiten will, Internet, Kunst, Freunde… Ich suche meine Inspiration überall, und sei es meine Umgebung die ich studiere, wenn mein Hund Verstopfungen hat.

Julianes Artist Instagram-Account

Wir sagen: Tattoos sind Kunst! Was sagst du dazu?

Grundsätzlich stimmt das, denn Kunst bedeutet ja nichts anders als etwas, durch Begabung und den kreativen Prozess, zu erschaffen. Dies kann man in Form eines Bildes, Musik, Poesie etc. oder eben Tätowierungen zum Ausdruck bringen. Natürlich gibt es aber auch, wie in jedem Bereich, schwarze Schafe. Tätowierer, die eben keine Künstler sind, sondern nur Menschen die das Handwerk als solches, ohne kreative Begabung, ausüben. Für mich selber ist Kunst, und die Art sich kreativ auszudrücken, der Mittelpunkt meines Lebens.

Dann bist du ja jetzt endlich im richtigen Job gelandet! Zum Abschluss dann noch eine Frage: Wie beurteilst du das Niveau, auf dem Tattoos in den deutschen Medien behandelt werden?

Da ich seit Jahren kein TV Programm konsumiere, habe ich keinen Überblick, wie die Medien die Thematik des Tätowierens behandeln. Was ich aber so höre und zufällig mitbekomme, halte ich nicht für besonders positiv. Ich setze mich tatsächlich auch seit Jahren kaum noch mit Tattoo-Magazinen auseinander, da ich mir lieber die Arbeiten von Tätowierern über Social Media Plattformen anschaue. Man hat einfach die Möglichkeit, schneller viel mehr zu sehen und sich spezifischer mit den Artists auseinanderzusetzen. Für die Zukunft wünsche ich mir natürlich einen aufgeklärten und positiven Umgang mit dem Tätowierhandwerk – auch in den Medien.

Genau dafür “kämpfen” wir. :) Vielen Dank für deine Zeit. Wir freuen uns aufs nächste Mal!

Freue mich auch. Bis bald im Studio!

Julianes privater Instagram-Account

Titelfoto: Celina Coldgner, instagram.com/celinadolgner