CDU will spontane Tattoos verbieten – was Tätowierer dazu sagen

„Erst beraten, dann warten, dann tätowieren – wenn es überhaupt noch dazu kommt“. Mit Aussagen wie dieser rückte CDU-Politikerin Gitta Connemann Anfang der Woche durch einen Artikel im Tagesspiegel etwas in den Fokus der deutschen Tattoo-Szene. Vor allem spontane Tattoos sind ihr ein Dorn im Auge. Laut eigener Aussage beschäftigt sich die Politikerin bereits seit zwei Jahren mit dem Thema Tattoos. Die CDU-Politiker führte in dieser Zeit nach eigener Aussage Gespräche mit Tätowierern, Kunden, Berufsverbänden, Krankenkassen, Farbherstellern, Ärzten und Wissenschaftlern geführt. “Dadurch weiß ich: Es gibt Könner und Pfuscher“, sagt sie und in diesem Punkt können wir ihr wohl alle zustimmen.

Frau Connemann bemängelt, dass jeder ein Gewerbe als Tätowierer anmelden kann und es diesbezüglich keine Kontrollen gibt. Zudem ist momentan auch keine Änderung in Sicht, denn das Bundeswirtschaftsministerium plant zurzeit keine über die Gewerbeanmeldung hinaus gehende Regulierung. Ein weiterer Vorschlag seitens der CDU-Politikerin ist die Festlegung einer Bedenkzeit, damit Tätowierungen nicht mehr spontan entstehen können: “Es darf nicht sein, dass eine Entscheidung, die lebenslang sichtbar sein wird, spontan, ohne Beratung und ungesichert erfolgen kann”. Doch wie sinnvoll sind diese Ansätze und was hätten sie für Auswirkungen auf die Tattoo-Szene?

Wir haben dazu einfach mal professionelle Tätowierer nach ihrer Meinung zu Frau Connemanns Ansätzen, sowie den Themen spontane Tattoos und Tätowierer-Ausbildung gefragt. Ob sie der gleichen Meinung sind, wie die Tätowierer, die Frau Connemann angeblich gefragt hat, könnt ihr hier im Folgenden lesen.

Rebecca Bertelwick


Rebecca Bertelwick hält spontane Tattoos nicht für falsch“Also meiner Meinung nach wäre das Verbot spontaner Tattoos mittels Regulierung der falsche Ansatz. Auch die Begründung zeugt wieder von völliger Unkenntnis über die Arbeitsweise seriöser Tätowierer. Niemand, der ordentlich arbeitet, tätowiert spontan Betrunkene. Und wie in einem normalen Studio eine Gruppendrucksituation entstehen soll, bei der ein Junggesellenabschied irgendwen anfeuert, sich tätowieren zu lassen, ist mir auch schleierhaft. Denn auch da wären ja wieder Unmengen von Alkohol im Spiel. Abgesehen davon tut sich kein Mensch, der konzentriert arbeiten möchte, eine ganze Horde Begleitpersonen an.

Witzig ist auch, dass eine Beratungspflicht überhaupt gefordert wird, denn nach meinem Wissen ist es ohnehin schon so, dass der Tätowierer verpflichtet ist, den Kunden vor dem Tätowieren über bestehende Risiken (Unverträglichkeiten, Infektionsrisiken usw.) aufzuklären. In diesem Zuge erhebt man ja auch Gesundheitsdaten (Krankheiten, Allergien, Schwangerschaft, Nüchternheit usw.). Wenn da etwas nicht passt, wird auch nicht tätowiert. Ich persönlich habe auch schon Kunden am Tag des Termins nach Hause geschickt, wenn zu erkennen war, dass sie unsicher waren. Lieber einmal kein Geld verdienen als Karmapunkte verlieren! ;-)

Die Frage wäre ja auch, wie lange die “Wartezeit” zwischen Beratung und Termin sein sollte, aber grundsätzlich würde so etwas wohl auch Tattoo-Conventions, Wanna Dos, Walk-Ins usw. schwierig bis unmöglich machen. Und wie man dann kurzfristige Ausfälle/Terminabsagen abfangen sollte, wüsste ich auch nicht. Also unterm Strich vielleicht nett gemeint, aber praktisch völlig daneben. Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass erwachsene Menschen durchaus das Recht haben sollten, selbst zu bestimmen, wann sie wie viel Geld für welches Tattoomotiv ausgeben. Da braucht es keine Bevormundung von offensichtlich unkundigen Politikern, die das Sommerloch nutzen wollen.

Allgemein ist natürlich zu begrüßen, wenn klarere (vielleicht sogar bundeseinheitliche) Richtlinien für den Tätowierberuf kommen, allerdings wirkt dieser Vorstoß für mich echt populistisch und uninformiert.“

Marcus Giuliano Stolz


Marcus Giuliano Stolz hält spontane Tattoos nicht für ein Problem“Tatsächlich habe ich festgestellt, dass die Beantwortung der Fragen zu diesem Thema nur noch weitere Fragen aufwirft beziehungsweise das Feld sehr komplex gestaltet. Bezüglich der Beratungsfrist beantwortet sich meiner Meinung nach die Frage im Falle eines professionell arbeitenden Tätowierers von selbst. Die meisten Tätowierer, die bereits eine gewisse Reputation besitzen, haben sowieso schon längere Wartezeiten.

Gehen wir von dem Fall aus, dass ein Tätowierer zwar professionell, sauber und künstlerisch anspruchsvoll arbeitet, so stellt sich mir dennoch die Frage der Umsetzbarkeit einer solchen Zeitfrist. Über welche Parameter soll kontrolliert werden? Darüber hinaus stellt sich für mich ebenfalls die Frage, was Tätowierer machen sollen, die Freihand oder experimenteller arbeiten? Weiterhin sehe ich ein Problem bei der verbindlichen Wartezeit darin, dass ein ordentlicher Tätowierer zum Beispiel durch einen Terminausfall auch spontan mal etwas früher Zeit hätte – darf er dann kein Geld verdienen? Ebenso ist es meiner Ansicht nach bei diesem Sachverhalt unumgänglich, die Selbstbestimmung des einzelnen Kunden zu berücksichtigen. Wie kann es sein, dass staatlich vorgeschrieben wird, wer wann und zu welcher Zeit was wie lange zu bedenken hat?

Interessant fand ich auch den Punkt, dass Kunden somit nicht alkoholisiert tätowiert werden würden. Beziehungsweise dem durch diese Frist vorgebeugt werden soll. Ehrlich gesagt klingt das gesamte Vorhaben sehr populistisch. Auch dass dieses alte Fass von schädlichen Inhaltsstoffen in Tattoofarben aufgemacht wird und wieder irgendwelche Gipfel eröffnet werden… Das klingt leider alles nicht neu und ich finde es persönlich auch eher fragwürdig.

Zum Thema spontane Tattoos: Tatsächlich erlebe ich es äußerst selten, dass Kunden ihre Tätowierungen (zumindest diejenigen, die von einem professionell arbeitenden Tätowierer angefertigt wurden) sehr selten bis gar nicht bereut werden. Wenn ich jetzt einmal schätzen sollte, würde ich sagen, es ist höchstens Eine/r von Zehn.“

Sollte eine offizielle Ausbildung für Tätowierer verpflichtend sein?

„Auch das ist natürlich recht schwer zu beantworten, finde ich. Beziehungsweise sie ist einfach nicht allgemein zu beantworten. Dem geht voraus, dass ich sehr gute Tätowierer kennenlernen durfte, die keinerlei Ausbildung haben – weder eine professionelle noch eine semi-professionelle – sondern rein als Autodidakt gelernt haben und ihr Handwerk bestens ausführen. Daneben kenne ich aber auch Menschen, die eine Ausbildung – und zwar sehr strenge und meine Ansicht nach auch sehr gute – genießen durften und letztlich jedoch aus diesen Möglichkeiten nichts gemacht haben.

Aber im Hinblick auf den Verbraucher empfinde ich es als obligatorisch eine offizielle und vor allem handwerklich kontrollierte und umfassende Ausbildung anzustreben. Ich persönlich bin der Meinung, dass das Tätowieren im Allgemeinen ohnehin so groß geworden ist, dass diese Underground-Attitüde – die selbstverständlich ihre Romantik und ihren Charme hat – einfach nicht mehr zeitgemäß ist. Allgemein zum Thema muss ich doch anmerken, dass das für mich sehr nach politischem Aktionismus klingt. Dennoch hoffe ich, dass der Weg zur Professionalisierung des Berufszweigs beziehungsweise der Branche klug eingeschlagen und umfassend umgesetzt wird.“

Phil Kaulen


Phil Kaulen hält spontane Tattoos nicht für ein Problem“Ohje. Ich glaube, da zeigt sich wieder, wie wenig Politiker sich eigentlich mit der Materie befassen. Vermutlich denkt Frau Connemann da eher an diese spontanen Strandtattoos auf Mallorca. Wir als Studios filtern ja auch viel heraus. Wenn Leute, die schon mehrere oder größere Tattoos haben, für spontane Tattoos reinkommen, ist quasi auszuschließen, dass sie das bereuen würden. Wenn allerdings die 18-jährige Chiara als erstes Tattoo spontan ihren Notenschlüssel hinterm Ohr haben möchte, wären wir sowieso raus. Ich glaube, dass die Politik das nicht so ganz einzuschätzen vermag. Ich erlebe es kaum, dass professionelle Tattoos bereut werden – egal, ob spontan oder nicht. Was die meisten Leute bereuen, sind schlecht gemachte Tattoos!

Und ich fänd es gut, wenn Tätoowieren eine offizielle Ausbildung wäre, da gerade so ein Trend entsteht, der diese vielen kleinen, schlecht gestochenen Wohnzimmer-Tattoos feiert. Das halte ich für sehr gefährlich. Bei der Konzeption einer Ausbildung sollte allerdings wirklich jemand Hand anlegen, der vom Fach ist. Wobei ich sagen muss, dass ich die Konzeption generell wirklich für schwierig halte. Ich denke, ab einer gewissen Zeit der aktiven beruflichen Tätigkeit sollte es da eine Art Bestandsschutz geben. Man kann nicht erwarten, dass Leute, die seit zehn Jahren professionell tätowieren, die Ausbildung noch nachholen und ansonsten Gefahr laufen, ihren Laden dicht machen zu müssen. Aber eine Art Auffrischung, Fortbildung oder Prüfung fände ich auch da okay – was Hygiene angeht zum Beispiel. Da kann tatsächlich jeder noch was lernen. Diese von außen von Politikern auferlegten Regeln und Vorgänge schießen super oft übers Ziel hinaus oder eben komplett am Thema vorbei.“

Elschwino


Tobias Burchert hat nichts gegen spontane Tattoos“Ich kann es nicht nachvollziehen. Das Problem an der Sache ist, das es bei mir nicht einmal möglich ist, spontan ein Tattoo zu bekommen und die Leute ohnehin Bedenkzeit haben. Spontane Tattoos sind ein schwieriges Thema. Ich finde, es sollte jeder Tätowierer selber entscheiden, ob er das macht oder nicht. Der Staat sollte es zumindest nicht entscheiden – wo kommen wir da hin?! Ich wiege halt ab, was der Kunde haben will und mache zum Beispiel grundsätzlich keine politischen Tattoos oder Namen des Partners.

Eine Ausbildung als Tätowierer fände ich auch schwierig zu gestalten, da man Kunst nicht wirklich ausbilden kann. Aber Hygiene und Beschaffenheit der Haut könnte man schon lehren – und vielleicht die oder anderen moralischen Grundsätze. Trotzdem sehr schwierig. Aber mal ehrlich: Ich merke doch schon beim Kundengespräch, ob das eine Flitz-Idee ist oder ob es Hand und Fuß hat. Es gibt genug Tätowierer, denen alles scheißegal ist und die einfach machen, was der Kunde will. Aber das ist wohl ein generelles Problem. Manche Kunden sind spontan und haben coole Ideen – warum sollten professionelle Tätowierer dann ablehnen? Und was ist mit Walk-in Days, wo wir einfach zeichnen und die Kunden es sich spontan aussuchen? Das würde dann auch nicht mehr funktionieren.“

Emrah Lausbub


Emrah Lausbub hat nichts gegen spontane Tattoos
„Ich kann mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll. Eine Beratungsfrist wird an dem Problem, ob man ein Tattoo bereut oder nicht, nichts ändern. Sie sollte statt spontane Tattoos zu verbieten, lieber einen Weg finden, dass nicht jeder einfach so an eine Maschine und das Equipment rankommt. Das wäre der bessere Weg.

Ich selbst habe mich drüber gefreut, dass da allgemein was passieren soll – konnte man ja die letzten Wochen immer wieder mal was zu lesen – aber hey, das ist ne Schnappsidee! Das würde nichts bringen außer mehr Bürokratie für uns, wogegen so ein Berufszugangssytem wie in Österreich ein Meilenstein wäre! Dort ist es wirklich sinnvoll aufgebaut: Hygiene, Sachkunde, Theorie und Praxis.

Es müsste so ablaufen, dass die Leute, die bereits ein Gewerbe haben, es so weiter betreiben können – anders wird’s nicht lösbar sein. Was die Ausbildung angeht, kann ich mir nicht vorstellen, dass es wie eine “normale” Ausbildung von statten geht. Ich wüsste zumindest nicht genau, wie das funktionieren sollte. Fakt ist: unser kleines Underground-Ding ist schon lange nicht mehr so underground. Es ist eine Riesen-Industrie geworden und da ist es klar, dass sich noch vieles verändern wird.

Nur muss man es eben so aufbauen, dass es realisierbar bleibt. So eine Regulierung mit Aufklärungsplicht etc. juckt doch die Home-Scratcher und unseriöse Tätowierer nicht. Die machen es weiter wie gehabt und treffen wird es nur die, die sich sowieso schon die größte Mühe geben, um diesen Beruf gewissenhaft auszuüben.”

Robin Kemper


Robin Kemper
„Naja also eine Beratungspflicht ist sinnfrei, denke ich. Dafür muss man kein Gesetz einführen. Jeder professionelle Tätowierer berät seine Kunden sowieso. Und die Scratcher versuchen es zumindest. Denn selbst wenn: Wer überprüft, ob die Beratung überhaupt richtig und qualifiziert ist?

Zumal sich Kunden doch freuen, wenn ich einen Ausfall hab und jemand spontan einspringen kann. Es würde ja sogar bedeuten, dass Tattoo Conventions illegal werden würden. Das ist einfach nicht machbar. Zumal ja auch Kunden spontane Tattoos nicht bereuen, wenn sie bei professionellen Tätowierern waren.“

Ein schwieriges Thema – doch spontane Tattoos sind nicht das Problem

Zusammenfassend lässt sich wohl festhalten, dass sich alle hier gefragten Tätowierer in wenigstens zwei Punkt komplett einig sind. Erstens: Es ist wirklich ein verdammt schwieriges Thema. Zweitens: Die Einführung einer Beratungsfrist würde das Problem nicht lösen und zum Beispiel bestehende Praktiken wie Walk-Ins unmöglich machen. In allen weiteren Punkten scheiden sich die Geister ein wenig, aber im Großen und Ganzen ist eine Veränderung hin zur Professionalisierung der Szene schon ein willkommener und akzeptierter Ansatz.

Für Weiteres bleibt wohl zunächst erstmal der von Gitta Connemann für November 2018 angesetzte Gipfel abzuwarten, bei welchem sie zusammen mit Tätowierern, Farbherstellern, Politik, Wissenschaft und Krankenkassen über diese Themen sprechen möchte. Wir halten euch natürlich auf dem Laufenden.