Wie Unternehmen mit Tätowierer*innen Geld machen

Man liest es beinahe regelmäßig: Wohl jede*r vierte Deutsche* ist mittlerweile tätowiert. Mit der Masse an tätowierten Menschen rückt das Thema auch immer mehr in die Mitte der Gesellschaft. So erscheinen Artikel rund um Tattoos heutzutage selbst in Magazinen wie “Cosmopolitan”, “Brigitte” oder der “Westdeutschen Allgemeinen Zeitung”. Dabei geht es nicht mehr nur um “Promi”-Tattoos, sondern immer häufiger auch um aktuelle Trends oder neue Produkte. Doch durch die zunehmende Präsenz von Tattoos in der Öffentlichkeit werden Tätowierer*innen und tätowierte Menschen auch immer mehr zu einer attraktiven Zielgruppe für verschiedenste Unternehmen. So gibt es auch zahlreiche Print-Magazine, Instagram-Accounts und andere Tattoo-Plattformen, die sich auf diese Gruppe spezialisieren und so einfaches Geld machen wollen. Wie diese teilweise arbeiten und fernab von mühsamer Recherche, Qualität oder Kreativität ihren Content produzieren, erfahrt ihr hier.

“Love your work, eine Doppelseite nur 800 €”

Feelfarbig ist kein Tätowierer und auch kein Tattoostudio, sondern ein Online-Magazin bzw. Tattoo-Magazin. Oh, das wusstet ihr bereits? Da wir auf sämtlichen Plattformen einen ziemlich eindeutigen Auftritt hinlegen und mittlerweile über hundert Tätowierer*innen geteilt haben, überrascht uns das natürlich nicht. Was uns jedoch ziemlich überrascht, ist die Masse an Nachrichten und Angeboten, welche wir erhalten, die Feelfarbig für einen Tätowierer oder ein Tattoostudio halten. Nachrichten von Privatpersonen können wir dabei noch am besten nachvollziehen. Sowas kann jemandem, der sich ansonsten nicht mit dem Thema beschäftigt und nicht groß recherchiert, eben passieren.

Dass genau so etwas jedoch auch Tattoo-Magazinen oder Tattoo-Plattformen passiert, spricht nicht unbedingt für Seriosität dieser. So erhalten wir regelmäßig Angebote von diversen Magazinen oder Instagram-Accounts, welche uns ein Feature auf ihrer Plattform anbieten. Meistens enthalten diese Nachrichten noch Schmeicheleien wie “Love your work!” oder “Wir lieben deinen Stil!”, wobei doch klar erkennbar ist, dass mehrere Tätowierer*innen bei uns präsentiert werden. Nach den großen Liebesbekundungen folgt dann in der Regel auch schon das Angebot für ein Feature auf der jeweiligen Plattform.

Diese Anfrage eines Tattoo-Magazins wurde uns zugespielt.
Diese Anfrage eines Tattoo-Magazins wurde uns zugespielt.

Hätten wir uns nicht “geoutet” und einfach das entsprechende Geld gezahlt, wären wir wohl mittlerweile in fünf verschiedenen Magazinen mit fremden Arbeiten als Tattoo Artist abgedruckt worden. Dass dabei wohl eher das krampfhafte Füllen ihres Magazins und Umsatz im Vordergrund stehen, Qualität oder Kreativität jedoch kein Thema sind, lässt diese sehr lieblose Recherche deutlich durchblitzen. Besonders hervorzuheben ist, dass solche Magazine nicht nur Geld mit Werbeplatzierungen machen, sondern zusätzlich noch mit ihrem Inhalt. Wenn Tätowierer*innen für eine Seite im Magazin zahlen müssen, ist es im Endeffekt auch nur bezahlte Werbung und kein Inhalt für ein Tattoo-Magazin. Normalerweise zahlt man übrigens denjenigen Geld, die den Content liefern – gerade deshalb ist diese Herangehensweise so unfassbar absurd. Hier müssen Tätowierer*innen jedoch Content liefern und auch noch selbst dafür zahlen, dass das Magazin nicht mit leeren Seiten dasteht.

“Tattoo-Gallerien” auf Instagram

Neben Magazinen erreichen uns auch immer wieder Angebote von “Tattoo-Gallerien”, die unsere Arbeiten auf Instagram teilen möchten. Dabei wird natürlich in der ersten Nachricht besonders gerne auf die große Anzahl an Followern des Anbieters hingewiesen. Auffällig ist, dass die eine Million Follower meist zu einem unüblichen Großteil inaktiv sind. So erhalten Posts auf solchen Seiten häufig nicht mal 10.000 Likes, was auf eine eher geringe Reichweite des Accounts schließen lässt. Gerade bei einem Account, der zehnmal am Tag etwas postet, sollte die Community doch etwas lebhafter sein. Dass nicht jeder Follower ein Like da lässt und die mysteriösen Algorithmen Instagrams das Follower-Like-Verhältnis recht unverständlich machen, ist wohl bekannt. Dennoch halten wir dir Anzahl an Followern für ein schlechtes Verkaufsargument, wenn nicht mal 1% dieser eine Reaktion zeigt.

Eines der zahlreichen Angebote, die wir auf Instagram als "Tätowierer" erhalten. Hier von einem bekannten Account, der über eine Million Follower hat.
Eines der zahlreichen Angebote, die wir auf Instagram als “Tätowierer” erhalten. Hier von einem bekannten Account, der über eine Million Follower hat.

Üblicherweise machen diese Accounts kein großes Geheimnis daraus, dass sie sich ihre “Dienste” auch entsprechend vergüten lassen. Dabei erhielten wir Angebote, die sich von 30 $ bis hin zu 200 € pro Post bewegen. Da wir tatsächlich regelmäßig solche Anfragen erhalten, stehen wir diesen Accounts recht skeptisch gegenüber. Natürlich ist es für eine*n Tätowierer*in praktisch, wenn die eigenen Arbeiten mehr Publikum erhalten. Daher möchten wir es gar nicht verurteilen, wenn in Zeiten von “Social Media ist die beste Werbung” auf solche Angebote zurückgegriffen wird. Vielmehr verurteilen möchten wir das Konzept hinter solchen Accounts. Follower kaufen, “Tattoo” in der Suche eingeben und einfach jeden anschreiben, um “Reichweite” zu verkaufen, ist einfach ein schäbiges Geschäftsmodell. Besonders dreist ist es, wenn diese Seiten ihren Account-Namen mit Superlativen wie “best” schmücken. Gerade dann, wenn für ein Feature wirklich keinerlei Kriterien oder Ansprüche erfüllt werden müssen, außer eben das entsprechende Geld hinzublättern.

Dieses besonders kurze und knackige Angebot bekamen wir erst gestern. Auch ein typisches Beispiel für "Best [XY]" als Name für den Account, der völlig wahllos irgendwelche Tattoo-Accounts anschreibt. Das sind ganz sicher nur die Besten!
Dieses besonders kurze und knackige Angebot bekamen wir erst gestern. Auch ein typisches Beispiel für “Best [XY]” als Name für den Account, der völlig wahllos irgendwelche Tattoo-Accounts anschreibt. Ja, da findet man ganz sicher nur die Besten!

Plattformen für die Suche nach dem richtigen Tattoo “Artist”

Dass es nicht unbedingt einfach ist, den richten Artist für sich zu finden, haben auch wir schon einmal behandelt und euch ein paar Tipps gegeben. Besonders jemand, der gerade erst damit beginnt sich für Tattoos zu interessieren, kann sich nur schwer einen Überblick seiner Möglichkeiten verschaffen. Einfach nur bei Google “Tattoo” und die eigene Heimatstadt einzugeben, führt oftmals nicht zum richtigen Studio.

Ein bekanntes Problem, welches nun auch immer häufiger aufgegriffen wird. So werben zahlreiche Plattformen damit, dass man bei ihnen “den besten Tätowierer aus deiner Stadt” finden kann. Doch auch hier wird das Problem meist nur scheinbar gelöst und von Google lediglich auf eine andere Website verschoben. Denn in der Regel treffen solche Plattformen keine Vorauswahl anhand besonderer Ansprüche. Üblicherweise kann sich jeder dort registrieren und präsentieren – und gegen einen kleinen Aufpreis erhält man dann ein Profil mit “erweiterten Features” oder rutscht in den Suchergebnissen weiter nach oben. Ob da dann wirklich der “beste Tätowierer der Stadt XY” oder “richtige Tätowierer” für einen selbst dabei ist, ist fraglich.

Vertrauen und Transparenz

Bei all den Angeboten noch entscheiden zu können, welche Plattform seriös ist und welche eher nicht – das ist nicht einfach. Weder für Tätowierer*innen noch für Tattoo-Interessierte. Man sollte wohl einfach ein Grundmaß an Skepsis beibehalten und großen Followerzahlen nicht blind vertrauen. Auch wenn der Auftritt “cooles, hippes Start up” schreit, stecken häufig dennoch nur die typischen, alten Klischees dahinter.

Natürlich arbeiten nicht alle Magazine und Plattformen nach den hier genannten Prinzipien. Wir führen hier lediglich Beispiele an, die wir selbst erlebt oder von Tätowierer*innen so geschildert bekommen haben. Wir finden es wichtig Bewusstsein dafür zu schaffen, dass nicht jedes Feature auf Plattform XY etwas über Qualität oder Kreativität eines Tattoos bzw. Tattoo Artists aussagt. Oft findet eben kaum Recherche statt, da Zeit Geld ist und man statt 30 Minuten zu recherchieren eben auch ein und denselben Text an 30 Tätowierer*innen geschickt haben kann. Und letzteres erhöht nun mal den Umsatz! Doch gerade bei Tätowierungen, die für immer unter der Haut bleiben, sollte der Schwerpunkt lieber auf Seriosität und Vertrauen liegen.

Mit Feelfarbig wollen wir natürlich auch weiterhin unseren eigenen Ansprüchen gerecht werden. Wir wollen so besonders Tattoo-Neulingen eine Plattform bieten, die sie nicht einfach ins nächstbeste Studio schickt, nur weil jemand 50 € für ein Feature gezahlt hat. Auch wollen wir den Fokus weiterhin auf Kreativität und Qualität legen, ganz ohne unnötige sexy Inszenierungen und Copycats. Außerdem ist es uns wichtig, auch weiterhin für Transparenz zu stehen und kein Geld von den Tätowierer*innen zu nehmen, die wir euch auf Feelfarbig vorstellen.

PS: Aber unsere Shirts dürft ihr bei Motte Klamotte gerne kaufen!