Copycat Bullshit: “Aber es war doch ein Kundenwunsch!”

In der Reihe “Copycat Bullshit” schreibt unser Autor Timo über die (stets schlechten) Ausreden von Tätowiererinnen und Tätowierern, die sich der Kunst anderer bedienen, um damit schnelles Geld zu machen. So passiert es, dass Tätowierer andere dreist kopieren und auch mal bereits gestochene Motive eins zu eins nachstechen. Dabei wird weder vor einem Custom Design noch dem Copyright Halt gemacht.

Diesmal: “Aber es war doch ein Kundenwunsch!”

Unterteilen wir Tätowierer doch einmal in zwei Kategorien: Kategorie eins wären Tätowierer mit einer soliden Fanbase, vollem Terminkalender oder einem festen Kundenstamm. Kategorie zwei wären dann Tattoo Artists, die entweder gerade mit dem Handwerk anfangen, nicht viel Erfahrung in der Selbstvermarktung haben oder einfach keinen soliden Kundenstrom haben. Diese beiden Kategorien – ganz wichtig jetzt (!) – sagen natürlich nichts über die Qualität der Arbeit des Artists aus. Jedoch macht es natürlich hinsichtlich der Frage “Kann ich am Ende des Monats meine Miete zahlen?” einen immensen Unterschied.

Denn wer sich gut vermarktet, hat eine größere Reichweite und schneller seinen Terminkalender voll. Gerade im Vergleich zu jemandem, der auf Werbung verzichtet oder gerade erst damit anfängt. Somit können sich natürlich “bekanntere” Tätowierer oft ihre Kunden aussuchen und auch mal Kundenwünsche ablehnen, wenn sie nicht damit einverstanden sind. Egal ob aus persönlichen, moralischen oder künstlerischen Gründen.

Diese Wahl hat ein junger oder unbekannter Artist leider nicht immer und ist meist auf jeden Kunden angewiesen. So steht man manchmal vor einer Entscheidung, wo man abwägen muss, ob man auch mal gegen die eigenen Grundprinzipien verstößt. “Steche das Unendlichkeitszeichen wirklich einfach unkommentiert mitten auf den Unterarm? Oder lehne ich den Auftrag lieber ab und lebe ab dem 25. des Monats nur noch von Brot und Wasser?”. Das ist natürlich ein überspitztes Beispiel, aber der ein oder andere Tätowierer wird sich schon einmal in einer vergleichbaren Situation wiedergefunden haben. Da muss man sich eben die Frage stellen: “Bin ich Künstler oder wirklich nur Dienstleister?”.

“Der Kunde wollte das so”

Kommen wir also zum Thema Kundenwunsch und dort auch direkt mal zur Worst-Case-Situation. Ein Kunde kommt zu euch, hat ein fertiges Motiv mitgebracht und möchte es genau so tätowiert haben. Eins zu eins – keine Änderungen erwünscht. Auch auf euren Hinweis, dass man es noch auf sie oder ihn zugeschnitten verändern könnte, geht die Person nicht ein. Somit bleiben euch genau zwei Möglichkeiten. Erstens: Ihr habt genug Rücklagen, eh einen vollen Terminkalender und könnt den Auftrag bedenkenlos ablehnen. Oder zweitens: Ihr schaut in Gedanken auf euer relativ leeres Konto und denkt “Fuck it, der Kunde will es nun mal so”.

Es gibt also tatsächlich Ausnahmesituationen, in denen man Verständnis dafür aufbringen kann, wenn ein Tätowierer den Kunden-Ausdruck ohne Abänderungen sticht. Der Urheber wird dann auch nicht hinterfragt, da der Kunde den Original-Künstler seines Pinterest-Mitbringsels meist ohnehin nicht kennt.

ABER!

Auch wenn manch einer für so eine Situation Verständnis zeigen kann, da “Ich muss nun mal Miete zahlen…” per se ein nachvollziehbarer Grund ist, gibt es natürlich dennoch ein paar Spielregeln. Diese sollte man niemals (!) außer Acht lassen (mal abgesehen von grundsätzlichen Regeln wie “keine Hakenkreuze”).

1. Wenn der mitgebrachte Kundenwunsch ein Foto eines schon gestochenen Tattoos ist, verstößt es einfach gegen jede Ehre – Finger weg! Ein bereits tätowiertes Motiv sticht man nicht nochmal – vor allem nicht, wenn jemand anders der Urheber ist.

2. Wenn du es nicht selbst entworfen hast, wird es auch NICHT veröffentlicht! Man schmückt sich einfach nicht nicht mit fremden Federn. Gerade wenn man durch die Bezahlung ohnehin schon Profit durch die Arbeit eines anderen gemacht hat. (Ausnahmen sind zum Beispiel Motive, die vom Künstler freigegeben wurden oder popkulturelle Klassiker wie Micky Maus – dazu aber mehr in einem zukünftigen Beitrag dieser Artikelreihe).

3. Der Kunde hat das Motiv mitgebracht und du hast es ohne Abänderungen gestochen. Nun ist das das Tattoo ein herausragendes Beispiel für dein handwerkliches Geschick und du möchtest es gerne teilen. Da du dir bewusst bist, dass das Motiv nicht von dir selbst stammt, teile dein Wissen und schreibe dazu, dass es ein Kundenwunsch war. Falls du den Original-Künstler oder die Quelle kennst, erwähne es auf jeden Fall. Nur so machst du auch anderen klar, dass du dich nicht mit fremder Arbeit rühmen möchtest.

Zum Abschluss sei natürlich noch das Allerwichtigste erwähnt. Solltest du nicht zu den Tätowierern gehören, die auf jeden Kunden angewiesen sind und trotzdem Tattoos anderer Künstler kopieren oder sogar als Wannado anbieten, bist du schlichtweg respektlos. Und ein Arschloch.